Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Hamburg e.V.
der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft

DPG Institut Hamburg

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
– eine Anwendung der Psychoanalyse

Schon Sigmund Freud stellte fest, dass für eine breitere Anwendung der Psychoanalyse Abwandlungen des Verfahrens erforderlich seien, die mehr direktive und suggestive Elemente enthalten sollten. In den 30er Jahren fand Strachey in einer Umfrage heraus, dass in vielen Fällen im Vergleich zur damals fünf- bis sechsstündigen Analyse Anwendungen mit geringerer Frequenz durchgeführt wurden. Unter den Bedingungen der militärärztlichen Versorgung im zweiten Weltkrieg wurden erste gruppenanalytische Verfahren entwickelt.

In Deutschland wurde 1967 die Psychoanalyse in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversorgung aufgenommen und ärztliche KBV-anerkannte psychoanalytische Weiterbildungsstätten entstanden. In diesem Zusammenhang wurde unter dem Einfluss der Arbeiten von Annemarie Dührssen und um den Anforderungen einer breiten und differenzierten Krankenversorgung Rechnung zu tragen, neben der psychoanalytischen Behandlung eine „tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie“ eingeführt: eine Anwendung der Psychoanalyse, die sich in Zeitrahmen und Zielsetzung begrenzte, um akute Krisen und umschriebene neurotische Konflikte zu behandeln oder Stabilisierung und Halt zu geben.

Der ärztliche Zusatztitel Psychotherapie war bis 1984 definiert als Weiterbildung in Psychoanalyse. Seitdem gab es eine Differenzierung, die es Ärzten ermöglichte, einen Zusatztitel „Psychotherapie“ zu erwerben, der entweder für Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie qualifizierte. Für Nichtärzte, im wesentlichen Psychologen, gab es die Qualifizierung zum Psychoanalytiker oder Verhaltenstherapeuten, die dann in ärztlicher Delegation behandeln durften. Daneben entstand im Bereich der Krankenversorgung ein vielfältiger Markt unterschiedlicher psychotherapeutischer Verfahren, die von den Krankenkassen in Kostenerstattung Anerkennung fanden.

Mit dem Psychotherapeutengesetz wurden 1999 die in den Psychotherapie-Richtlinien anerkannten Verfahren als Ausbildungsfächer kodifiziert: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoanalyse.

So hat sich über die Jahre und durch die politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeiten ein in seiner Art eigenständiges und von der analytischen Psychotherapie zu unterscheidendes Psychotherapie-Verfahren herausgebildet: die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Laut Psychotherapie-Richtlinie werden die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie – sei es im Einzel- oder Gruppensetting – als psychoanalytisch begründete Verfahren zusammengefasst, die „Formen einer ätiologisch orientierten Psychotherapie“ darstellen, „welche die unbewusste Psychodynamik neurotischer Störungen mit psychischer oder somatischer Symptomatik zum Gegenstand der Behandlung machen“. Allen darunter gefassten Psychotherapie-Formen liegen die klinischen psychoanalytischen Theorien, die psychoanalytische Krankheitslehre sowie psychoanalytische Veränderungs- und Behandlungstheorie gemeinsam zugrunde.

 

Anwendung tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie

Innerhalb der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie werden „Sonderformen“ unterschieden: Kurztherapie, Fokaltherapie, dynamische Psychotherapie, niederfrequente Therapie in einer längerfristigen, Halt gewährenden therapeutischen Beziehung.

Allen gemeinsam ist ein Rahmen zeitlicher Begrenzung und inhaltlicher Fokussierung auf bestimmte pathogene Gegebenheiten. Es geht um die strukturierte und fokussierte Bearbeitung von aktuellen Konflikten und Lebensbelastungen und ihrer Symptombildung und um die gezielte Bearbeitung damit im Zusammenhang gesehener struktureller Aspekte. Diese Bearbeitung berücksichtigt dauerhaft verinnerlichte Beziehungsmuster und unbewusste Konfliktkonstellationen ebenso wie Übertragung und Gegenübertragung. Die TherapeutInnen sind eher aktiv-anleitend und unterstützend und verwenden häufiger aktive Interventionen wie Konfrontation, Klarifikation oder auch unterstützende, supportive Interventionen. Übertragungen werden eher in Bezug auf Außenübertragungen gedeutet, regressive Prozesse begrenzt. Es geht vorrangig um die Bearbeitung unbewusster Konflikte, die im aktuellen Lebensalltag des Patienten auftreten, um Symptome zu reduzieren und Lebensbewältigung zu verbessern – als um Ich-Stärkung und Stabilisierung zuvor geschwächter Abwehr.

Dabei gelten ebenso wie in der analytischen Psychotherapie die Grundsätze der Neutralität und Abstinenz für den Therapeuten. Zugleich gilt es, dem Patienten mit Interesse und Respekt zu begegnen und die eigene Wahrnehmungseinstellung offen zu halten für Übertragung, Gegenübertragung, Szenisches, unterschwellig und zwischen den Worten sich Andeutendes. Freie Assoziation auf Seiten des Patienten und gleichschwebende Aufmerksamkeit des Behandlers gelten mit den Einschränkungen, die die Fokussierung mit sich bringt. Aber vor der Fokussierung steht das Zuhören und Aufnehmen, das solche Offenheit erfordert.

Das heißt zusammenfassend, dass nicht nur die theoretischen Grundlagen, sondern auch die psychoanalytische Wahrnehmung und die psychoanalytische Haltung den psychoanalytischen begründeten Psychotherapie-Verfahren gemeinsam sind. Ralf Zwiebel hat ein ständiges Oszillieren zwischen

gleichschwebend und aufmerksam                                     

teilnehmend und beobachtend                                  

nicht wissend und wissend  

absichtslos und zielorientiert

gegenseitig und asymmetrisch

Anfänger-Geist und Experten-Geist

als den Kern der analytisch-therapeutischen Situation beschrieben. Diese Kernsituation findet sich in Einzel- wie Gruppenanwendungen der Psychoanalyse, in ambulanten wie stationären Settings, in der analytischen Psychotherapie ebenso wie in der tiefenpsychologisch fundierten.

Dabei zeichnen gleichschwebend, teilnehmend, nicht wissend, absichtslos und gegenseitig im Anfänger-Geist eher die Position des Behandlers in der analytischen Situation aus. Das ist der „analytische“ Pol. Aufmerksam, beobachtend, wissend, zielorientiert und asymmetrisch mit Experten-Geist ist der Behandler häufiger in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Das ist der „therapeutische“ Pol.

 

Konsequenzen für die Ausbildung

Aus den so skizzierten Anforderungen an den tiefenpsychologisch fundiert arbeitenden Psychotherapeuten ergeben sich die Vorteile, wenn nicht gar – so die idealistische Sicht – die Notwendigkeit, diese Ausbildung so psychoanalytisch wie möglich zu machen. Und das bedeutet eben: an einem psychoanalytischen Institut gemeinsam mit angehenden PsychoanalytikerInnen durch PsychoanalytikerInnen.

Da die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ihre wissenschaftliche Basis im Theoriegebäude der Psychoanalyse hat, sind in diesem Ausbildungsgang die gleichen theoretischen Grundlagen zu vermitteln wie für angehende PsychoanalytikerInnen, wie dies auch in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung zum PsychThG festgelegt ist: klinische psychoanalytische Theorien, psychoanalytische Krankheitslehre und psychoanalytische Veränderungs- und Behandlungstheorie.

Die diagnostischen Kenntnisse und Fähigkeiten sind ebenso mit denen der späteren analytischen Psychotherapeuten identisch: im Erstinterview wie in den weiteren diagnostischen Gesprächen ist im Zuhören der Entfaltung des Patienten Raum zu geben, diesem gegenüber eine psychoanalytische Wahrnehmungseinstellung einzunehmen. Neben dem manifesten ist auch das latente „Material“ zu erfassen. Zum Aufnehmen des Narrativs muss die Wahrnehmung der Szene sensu Argelander, der Übertragungsbereitschaften des Patienten und der eigenen Gegenübertragungsreaktionen als zentraler Zugang zum Wesentlichen der psychoanalytisch erforderlichen Diagnostik treten. Nur so sind die zentralen und aktuell wirksamen unbewussten Konflikte zu erfassen, die dann Gegenstand der Behandlung sein sollen. Und nur so kommt der Diagnostiker in die Lage, psychoanalytisch angemessen und für den Patienten passend seine ersten Aufgaben zu erledigen: eine psychodynamische Diagnose und eine differenzierte Behandlungsindikation zu stellen. Dieser Schritt erfordert ausreichend gute Kenntnisse der Voraussetzungen für verschiedene Psychotherapie-Verfahren, denn im diagnostischen Prozess ist offen, ob eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, eine analytische Psychotherapie, eine Verhaltenstherapie, medikamentöse Behandlung, ambulante oder stationäre Therapie erforderlich sind.

Um in diesen Beziehungsprozessen der Diagnostik und später der Behandlung die notwendige Sicherheit zu gewinnen, ist eine möglichst gute Selbsterfahrung im psychoanalytischen Sinne erforderlich. Hier ergibt sich eine gewisse Widersprüchlichkeit im Anliegen der Selbsterfahrung. Diese soll einerseits eigene Erfahrung mit dem später anzuwendenden Psychotherapie-Verfahren vermitteln, zugleich aber möglichst guten Einblick in die eigenen inneren unbewussten Prozesse vermitteln. Aus dem erstgenannten geht hervor, dass die Selbsterfahrung in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie erfolgen muss. Das zweite Anliegen spricht für eine hochfrequente Analyse. Diesem Widerspruch gerecht zu werden erfordert m.E. die Selbsterfahrung bei einer Psychoanalytikerin, um ggf. nach anfänglicher tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie in einen höher frequenten analytischen Prozess wechseln zu können.

Und auch die dritte Säule der Ausbildung, neben Theorie und Selbsterfahrung, die Behandlung unter Supervision, ist am besten bei PsychoanalytikerInnen mit guter Erfahrung in der Durchführung tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapien aufgehoben. So lässt sich am ehesten garantieren, dass die grundlegende psychoanalytische Haltung und Wahrnehmung mit Blick auf die Beziehungsprozesse in Übertragung und Gegenübertragung wie auf die unbewussten Konflikte zum Tragen kommt. Dies kann und sollte vorteilhaft unterstützt werden durch gemeinsame technisch-kasuistische Seminare für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapien mit den Teilnehmern der analytischen Aus- und Weiterbildung.

So kann nicht nur eine gute psychoanalytisch begründete Ausbildung zustande kommen, sondern auch der Zusammenhalt derjenigen gefördert werden, die auf Grundlage der psychoanalytischen Wissenschaft arbeiten.

Aktuelles

Wintersemester 2017-18

Das neue Semesterprogramm ist online!

16.02.18

Zur Dekonstruktion geschlechtlicher Normativität - Queer Theory und Psychoanalyse. Die Wiener Psychoanalytikerin Mag.a Dr.in Esther Hutfless wird über die Schnittmengen zwischen Psychoanalyse und Queer Theory sprechen.

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22.09.17

M. Fakhry Davids, britischer Psychoanalytiker aus London, hat am 22.09.17 einen Vortrag zum Themaüber 'Internal Racism' gesprochen.

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20.04.17 ff.

Der Traum und die Psychoanalyse (Vortragsreihe). Torsten Maul, Dozent am Hamburger DPG-Institut hat am 11. Mai über den Umgang mit der Traumerzählung in psychoanalytischen und tiefenpsychologisch fundierten Behandlungen gesprochen; moderiert wurde die Veranstaltung von Gabriele Amelung.

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