Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Hamburg e.V.
der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft

DPG Institut Hamburg

Im Schatten der Schuld

Im Schatten der Schuld
Psychische Belastungen bei den Nachkommen von Tätern und Täterinnen
Prof. Dr. Angela Moré, Hannover/Kassel


„Ich bin mit Familiengeheimnissen aufgewachsen, es gab Dinge, über die man
nicht sprechen durfte, bei „fremden Leuten“ [so die Mutter] genauso wenig wie in
der eigenen Familie. Dazu gehörte auch der Nationalsozialismus. …
Etwas düster Bedrohliches, für das es keine Worte gab und geben durfte, setzte sich
in mir fest und wurde zum Bestandteil meines Eigenen. Ich war alleine damit fühlte
mich wie mit einem Makel behaftet, von anderen ausgegrenzt, oder ich grenzte
mich, immer wieder unsicher, ob es mich überhaupt geben dürfe, selbst aus. Soweit
ic mich zurückerinnern kann, waren Schuldgefühle, Scham und Ängste meine
steten Begleiter. Mit Ende 20 geriet ich in eine Lebenskrise und ab da begann mein
Weg, mich mit dieser Familiengeschichte auseinander zu setzen“ (Althaus 2006, S.
13f).
Dies sind Auszüge aus der Einleitung zu dem Buch „NS-Offizier war ich nicht“. Die
Tochter forscht nach (Gießen, 2006) der in Basel lebenden Psychotherapeutin Ute
Althaus. 1943 in eine Familie von Naturwissenschaftlern geboren, studiert sie zunächst
ebenfalls Mathematik. Nach dem Krieg wird ihr Vater verhaftet und verbringt nach
einem Prozess wegen Kriegsverbrechen mehrere Jahre im Zuchthaus, wobei ihm einige
wegen guter Führung erlassen werden. Nach dem Krieg wird der Vater als unschuldig
von der Mutter und den Großeltern dargestellt und beteuert selbst, nie Nazi gewesen zu
sein. Die nach seinem Tod gefundenen Briefe der Eltern, die Ute Althaus dann auch
veranlassten, in die Prozessakten zu schauen, zeigen ein ganz anderes Bild. Das Kind,
das nachfragte, wurde zum Schweigen gebracht und der Illoyalität beschimpft – mit den
oben erwähnten Folgen.
Die Frage, wie Erfahrungen – insbesondere auch von aktiv ausgeübter oder erlittener
Gewalt – von einer Generation zur nächsten und an weitere Generationen übermittelt und
in diesen implementiert und verarbeitet werden, ist ein seit ca. 40 Jahren aktuelles und
ausführlicher erforschtes bzw. therapeutisch erschlossenes Phänomen. Dies verdankt sich
nicht nur, aber zu großen Teilen der psychoanalytischen Arbeit und ihrem Zugang zu
unbewussten Konflikten, Fantasien, Emotionen, Identifikationen und zu dem, was wir
inzwischen als unbewusste interpersonale bzw. intergenerationelle Verschränkungen und
deren Übertragungsmechanismen verstehen.
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Andererseits handelt es sich um ein sehr altes, insbes. in Mythen, Legenden und
Religionen überliefertes Erfahrungswissen auch früherer Generationen auch in weit
zurück liegenden Epochen. Schon diese wussten oder ahnten etwas von der
Weiterwirkung des Schreckens und der Schuld in den nachfolgenden Generationen, von
den Zusammenhängen von Schicksalsschlägen und Handlungen von Nachkommen mit
den unbewusst präsenten Anteilen von Schuld und Schicksal bei den Vorfahren. Die
antiken Mythen sind ebenso wie die alttestamentarischen Texte voll von diesen
Verschränkungen und gehörten bekanntlich zu den inspirierenden Quellen für Freuds
Annahmen eines phylogenetischen Erbes. Solche Bezüge finden sich zwar auch in den
Mythen und Religionen außereuropäischer Kulturen. So besagt ein indianisches
Sprichwort, man dürfe die Zukunft der nächsten sieben Generationen nicht belasten.
Jedoch hat unser Konzept des Psychischen und des Unbewussten seine Wurzeln in der
abendländischen Geistes- und Ideengeschichte: in Vorstellungen göttlicher
Schicksalsbestimmungen für den Menschen, die dieser gegen seinen bewussten Willen
erleiden und vollziehen musste.
Im Alten bzw. Ersten Testament spricht der Gott Israels zu seinem Volk: „Bei denen, die
mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und
vierten Generation“ (2. Buch Mose: Exodus 20/5).
Aber auch die Geschichte der Sintflut1 belegt die Unterstellung eines Zusammenhangs
zwischen der Schuld der Elterngeneration und den Leiden der Nachkommen – hier trifft
die Strafe sogar die gesamte Schöpfung mit Ausnahme der wenigen Exemplare, die in
der Arche Noahs überleben.
Auf Seiten der Opfer spiegeln die Mythen und Religionen ebenfalls die Weiterwirkung
des Erlittenen bei den Nachkommen, denn die Opfer fordern, erinnert und gesühnt zu
werden und klagen damit die Rehabilitation ihres zutiefst verletzten, entwürdigten
Daseins ein. Rachegöttinnen wie die altgriechischen Erinyen, die z.B. von Orestes unter
Androhung schlimmster Qualen verlangen, er möge den Mord am Vater rächen, sind
Indikatoren eines nach außen projizierten Schuldkonflikts, in welchem Schuld nur
gesühnt werden kann durch einen neuen Mord, der neue Schuld hervorbringt: das Thema
des Wiederholungszwangs als intergenerationelles Phänomen scheint hierin bereits auf.
1 Wobei sint~ im Althdt. die Bedeutung von andauernd, umfassend hatte und erst ab dem 13. Jh.
umgedeutet wurde zu Sünd-flut, also zu einer göttlichen Strafe für die menschlichen Sünden und Vergehen
– wobei dieser Zshg. dem Bibeltext durchaus entspricht (vgl. Kluge: Etymologisches Wörterbuch. Berlin,
New York, de Gruyter, 23., erw. Aufl. 1999).
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Wenn wir uns heutzutage mit der transgenerationellen Weitergabe von Traumata wie von
Schuldkonflikten auseinander setzen, dann stehen im Vordergrund die Fragen danach,
 wie diese unbewusste Weitergabe von einer Generation zur nächsten erfolgt?
Welches die Mechanismen und Wege der Transmission sind? Was ihr inhaltlicher
Kern und ihr Wesen ist – denn die Nachkommen leben faktisch in einer anderen
Welt und werden nicht genauso wie ihre Väter oder Mütter bzw. die Großeltern;
 Was sich in der Weitergabe zwischen der 2. und 3. Generation und ggf. auch
weiteren Generationen verändert?
 Wie eine Auf- und Verarbeitung gelingen kann, die diese Kette der
Transmissionen unterbricht?
 Was Aufarbeitung bedeutet und bewirkt bzw. woran sie scheitern kann und was
dies für die Nachfahren evtl. für Folgen hat, sprich:
Welche Spuren hinterlassen die Täter in ihren Nachkommen?
Ich gehe auf dieser Fachtagung davon aus, dass solche Überlegungen und verschiedene
Antworten darauf für die meisten von Ihnen nicht mehr neu sind. Vor drei bis vier
Jahrzehnten sah dies noch anders aus.
Es gab zu jener Zeit zwar bereits eine Reihe von Pionieren und Pionierinnen auf dem
Gebiet transgenerationeller Übertragungen, aber im Alltag psychoanalytischen Denkens
und Argumentierens war diese Sichtweise nicht etabliert und stieß teilweise auch auf
Ablehnung. Schließlich gab es ja längst einen Indikator für die Existenz eines
universellen transgenerationellen Erbes: den Ödipuskomplex.
Auf Seiten der Verfolgten des NS-Regimes, insbesondere der jüdischen Überlebenden
der Shoah, verbreitete sich zunächst ein Wissen über die lang anhaltenden Spätfolgen der
Extremtraumatisierungen – wobei auch dieses sich in der Gesellschaft wie in der
psychoanalytischen Fachwelt erst Anerkennung verschaffen musste. Was die
Verarbeitung von Schuld anging, so war sie nicht nur in der deutschen
Nachkriegsgesellschaft ein Tabu, sondern tauchte auch in den psychoanalytischen
Therapien nicht auf. Dies auch, weil sich Täter nicht in Therapien begaben. Allenfalls
landeten sie in der Psychiatrie, Psychosomatik oder auf Alkoholentzugsstationen. Die
ersten Fälle von Kindern der Täter lagen in den frühen 60er Jahren auf der Analysecouch.
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Jedoch nur in wenigen Fällen wurde ein Zusammenhang zwischen den Kriegskindheiten,
den Schuldverstrickungen von Eltern und den psychischen Störungen und Leiden der
Nachkommen hergestellt, allenfalls ein gescheiterter Ödipuskomplex „geheilt“, der
infolge der Abwesenheit des Vaters, der aus dem Krieg nicht oder schwer versehrt
zurück gekehrt war, nicht bewältigt zu sein schien.
Hier musste sich in der Psychoanalyse ein Paradigmenwechsel vollziehen, der mehrere
Jahrzehnte benötigte, um sich in der Theorie und in den Behandlungen nieder zu
schlagen.
Unter anderem berichtet Anita Eckstaedt in ihrem 1989 erschienen Buch über
>Nationalsozialismus in der „zweiten Generation“< von diesem Prozess der Entwicklung
eines neues Verstehens psychischer Verstrickungen und transgenerationaler
Verschiebungen ab den 60er Jahren – sie benennt diese als eine Weitergabe von
Hörigkeitsverhältnissen.
Ausschlaggebend für die Entwicklung dieses Denkens waren neue Konzepte in der
Psychoanalyse wie
 die Weiterentwicklung der Kleinianischen Theorie in Bions Verständnis der
Mutter-/Eltern-Kind-Beziehung als einer Container-contained Beziehung, in der
unerträgliche Emotionen in verdauliche transformiert werden,
 die Ansätze der Selbstpsychologie von Kohut bis zu Daniel Stern, in welcher
auch die Forschungen zur frühen Interaktionsentwicklung einen neuen Akzent
bekamen,
 die Erkenntnisse der Bindungstheorie und ihrer Vertiefung durch den
Mentalisierungsansatz,
 sowie in neuerer Zeit die Annahmen über interpersonale unbewusste
Beziehungen bzw. das Netzwerk eines interpersonellen Unbewussten – ein
Ansatz, der in der Matrix-Theorie der Foulkes’schen Gruppenanalyse einen
bedeutenden Vorläufer hat.
Die analytischen Erfahrungen, die zunächst in der langjährigen Arbeit mit HolocaustÜberlebenden
und deren Nachkommen entstanden, wurden theoretisch in bildhaften
Beschreibungen verdichtet:
- Haydée Faimberg spricht von Telescoping (1985), bei dem sich die Generationen
psychisch ineinander schieben;
- Ilany Kogan hat das Bild des vermittelten Traumas (1990),
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- Judith Kestenberg verwendet die Metapher des Zeittunnels (1995), die die
Erfahrung beschreibt, dass die nachgeborene(n) Generation(en) sich innerlich in
eine Zeit und an einen Ort versetzt fühlen, an dem sie biografisch selbst nie gelebt
haben, sondern ihre Eltern;
- Elisabeth Troje schließlich spricht von der Verzahnung des innerpsychischen
Raums (2000) zwischen den Generationen (vgl. Moré 2015).
Hinter all diesen Begriffen scheinen Erkenntnisse über die Unabgrenzbarkeit psychischer
Binnenräume auf, der fragmentarischen Durchdringung des psychischen Erlebens der
Kinder durch die unverarbeiteten und unverarbeitbaren extremtraumatischen Erfahrungen
der Eltern. Es gibt dabei, wie wir wissen, in der Regel keine bewusste Absicht der
Eltern, ihr Leid in ihren Kindern zu deponieren. Vielmehr erspüren die Kinder aus dem
Schweigen der Eltern das, was verschwiegen bleiben soll. Freilich gab es auch Eltern, die
über das Erlittene sprachen, jedoch selten als ein historisch in sich abgeschlossenes
Narrativ, sondern eher in der Erregung von auftauchenden Szenen (flashbacks), die in die
aktuelle Gegenwart eindringen.
Die Psychoanalyse nähert sich diesen Introjekten bei den Nachkommen mittels der
Analyse der Gegenübertragungen.
Im Kontext der Rekonstruktion der Übermittlungswege gehen diejenigen, die hierzu
arbeiten und gearbeitet haben, von szenischen Situationen aus, in welchen sich die
psychischen Elemente der elterlichen Traumatisierungen darstellen und erahnen lassen.
Die Transmissionswege sind zweifellos vielfältig, sublim, direkt und indirekt und
beginnen mit dem ersten Lebenstag der Kinder: die frühesten Interaktionen legen die
Grundsteine für die Wahrnehmung der Stimmungen der Eltern, für die Gestaltung und
Atmosphären der Beziehungen, den emotionalen Austausch, die phantasmatischen
Interaktionen, die späteren Beziehungsentwicklungen – einschließlich der ungewollt
stattfindenden Reinszenierungen, Retraumatisierungen, bewussten und unbewussten
Delegationen, der projektiven Abwehrprozesse, in welchen die Kinder zu Containern des
elterlichen Leids werden – all dies sind Wege und Spuren der Übermittlung des
Ungesagten, das zu großen Teilen nonverbal, aber auch sprachlich – jedoch dann nicht
symbolisiert – vermittelt wird.
Joshua Durban (2009) spricht in diesem Zusammenhang von sensorischen, perzeptiven
und propriozeptiven Geschichten, also körperlich erlebten „Geschichten“ und den in
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Gefühle eingebetteten Erinnerungen, die am Anfang des Lebens „erzählt werden“ (ebd.
S. 720f).
Ein wesentliches Element der Transmissionen ist von Beginn des Lebens an dauerhaft
die projektive Identifizierung, die nach Ignes Sodré (2007) v.a. dadurch charakterisiert
ist, dass sie zur Herstellung einer inneren Verfassung im Subjekt beiträgt, „bei der die
Grenzen zwischen Subjekt und Objekt verschoben sind“ (ebd., zit. n. Durban 2009, S.
721).
Dass sich Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse auch in außeranalytischen
Beziehungen regelmäßig vollziehen, dürfte heutzutage Konsens sein. Zwar werden sie
dann selten bis nicht reflektiert und analysiert, sind aber unterschwellig wirksam. Mit
Hilfe des Mentalisierungsansatzes werden wir auch von dieser Seite unbewusste
Transmissionsprozesse zukünftig sicher noch mehr verstehen.
In welcher Form zeigen sich nun psychische Grenzübertritte bei den Kindern bzw.
Nachkommen von Tätern? Gibt es auch hier Phänomene wie das Telescoping? Den
Zeittunnel? Das vermittelte Trauma?
Bezogen auf die Nachkommen von Tätern und Täterinnen finden wir einige
Entsprechungen zu diesen Phänomenen, aber auch Unterschiede.
Ein Erleben wie das des Zeittunnels taucht auch hier auf und die Nachkommen: manche
der nach dem Krieg geborenen Kinder von Tätern träumen von fallenden Bomben,
heranrollenden Panzern und anderen Kriegsgräueln – hier sind sie mit den Situationen
innerlich verbunden, in welchen aus den Tätern selbst Opfer wurden jenes Krieges, den
sie mit angezettelt und befürwortet hatten. Andere Träume jedoch verraten, dass sie sich
auch in Gewaltszenen wiederfinden, in welchen sie häufig nicht unterscheiden können,
ob sie die Täter oder die Angegriffenen sind – sie sind häufig beides zugleich.
Auch verstehen die Nachkommen der Täter nicht, welche Motive sie zu bestimmten,
ihnen als ichfremd erscheinenden Verhaltensweisen verleiten oder was sie zu bestimmten
Orten hintreibt. Ruth Waldeck (2014) berichtet von einem Studienfreund, der sich ein
Haus in der Toskana gekauft hatte und erst allmählich realisiert, dass sein Vater während
des Krieges in dieser Gegend stationiert und möglicherweise an Massakern beteiligt war.
Was sich dabei in Szene setzt, als es darum geht, die Anzahl verwilderter Katzen zu
reduzieren, macht die beiden Nachkommen von Wehrmachtsangehörigen ebenso stumm
und sprachlos wie es deren Väter waren – sie müssen sogar über lange Zeit den Kontakt
abbrechen, weil die Scham und das Entsetzen zu groß sind. Denn beide scheinen
unausgesprochen verstanden zu haben, dass der Auftrag, diese streunenden Katzen durch
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einen Kammerjäger erschießen zu lassen, etwas aus der vorigen Generation wiederholt,
als ein schwer verletztes Tier auf der Terrasse des Hauses erscheint.
Auch bei Täternachkommen sind die psychischen Grenzen zur Elterngeneration im
Selbsterleben verwischt, unscharf oder nicht vorhanden. Durbans Patient, Sohn eines
jüdischen Verfolgten, der, um zu überleben, in Auschwitz die Funktion eines Kapos
übernimmt, entwickelt neben der Depression und tiefen Gefühlen, abstoßend und nicht
liebenswert zu sein, zwanghafte Strukturen. Er sortiert täglich die Schuhe der ganzen
Familie und putzt sie, sortiert und wäscht bergeweise die Wäsche. Erst nach Jahren wird
ihm wie auch dem Therapeuten klar, dass er damit genau dasselbe tut, was sein Vater im
Lager tun musste, der die Kleidungsstücke der Ermordeten sortierte und reinigte.
Bei den Nachkommen der Täter findet sich sehr viel häufiger eine Einstellung der
Distanzierung und Ablehnung – und dennoch auch hier wiederum eine unbewusste
Tendenz, die beschädigten Objekte heilen zu wollen. Auch bei ihnen kommt es zu einer
teilweisen Aufhebung der psychischen Grenzen zu den Eltern oder vermittelt durch
letztere auch zu den Großeltern. Es lässt sich also auch bei ihnen von einer Verzahnung
innerpsychischer Räume sprechen.
Nachkommen der Täter wie auch der Opfer empfinden Scham für das, was ihre Eltern
oder Großeltern passiv erlitten oder aktiv getan oder unterlassen haben. Häufig lässt sich
in der Phantasie nicht einmal wirklich trennen zwischen Vorstellungen von erlittenem
Leid und von eigener Schuld – auch wenn der Wunsch nach einer klaren Trennung auf
Seiten der Nachkommen der Verfolgten nur zu verständlich ist. Andererseits aber
tauchen auch in den Familien der Verfolgten nicht selten Phantasien darüber auf, dass
auch die eigenen Eltern Schlimmes getan haben könnten.
In dem Film „Im Zeichen der Schuld“ von Heike Mundzeck (D 1995) , in welchem in
Israel geborene und aufgewachsene Kinder von Holocaust-Überlebenden interviewt
werden, berichten zwei derselben davon, wie sie sich der eigenen Väter schämten, dass
diese sich hatten wie Tiere behandeln lassen, sich nicht gewehrt hätten gerade auch
angesichts einer im Aufbau begriffenen israelischen Gesellschaft, die nicht zuletzt vor
diesem historischen Hintergrund auf Stärke und Unverwundbarkeit setzte. Die
Regisseurin Orna Ben Dor erzählt, in der Familie habe man gemunkelt, ob die
Großmutter eine Prostituierte im KZ gewesen sei, denn wie hätte sie denn sonst
überleben können?
In den Phantasien verwischen somit nicht nur die Grenzen zwischen den Generationen,
sondern auch die zwischen Opfern und Tätern. Bei den Opfern trägt die Abwehr der
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Bedrohung in Form der Identifikation mit dem Aggressor zu solchen
Selbstwahrnehmungen und damit einher gehenden Schuldgefühlen bei, die durch die
aufkommende Überlebensschuld noch verstärkt werden. Auch diese Schuldgefühle sind
Bestandteil des transgenerational vermittelten psychischen Erbes an die Nachkommen.
Umgekehrt entwickeln die Täter – nicht nur zur Rechtfertigung nach außen, sondern auch
zur Abwehr ihrer sie bedrängenden Schuldgefühle – innere Bilder von Zwang und
Bedrohung, der sie zu scheinbaren Opfern macht. Auch sie vermitteln somit doppelte
Botschaften an ihre Nachkommen. Auf diese Bilder reagieren letztere jedoch nicht nur
dadurch, dass sie diese einfach übernähmen, sondern spüren in sich Zweifel,
Selbstzweifel, Verunsicherungen über die nicht zu bekommende „Wahrheit“,
Schuldgefühle angesichts ihrer verdächtigenden Phantasien und ihrer Ablehnung des
psychischen Erbes ihrer Eltern.
Sie schwanken zwischen Bedürfnissen zu verstehen, zu trösten und zu heilen und dem
Wunsch, unabhängig, anders und frei von diesen unerträglichen Vergangenheiten ihrer
Eltern und Großeltern zu sein.
Umstritten ist die Frage, ob Täter durch ihre gewalttätigen Handlungen und Morde selbst
traumatisiert werden können. Das Verhalten von Tätern lässt häufig die Annahme zu,
dass sie nicht traumatisiert, sondern insgeheim sogar stolz auf ihr Handeln seien, diesen
Stolz dann aber verbergen müssen, sozusagen kryptisieren (vgl. Brunner 2011; Moré
2014).
Vera Kattermann (2015) macht an ihren Fallgeschichten plausibel, dass auch das Töten
und die Brutalität anderen Menschen gegenüber eine quasi-traumatische Wirkung haben
kann. Sie begründet diese quasi-traumatisierende Wirkung des Mordens und der
Brutalität mit einer unbewussten Identifikation mit den Opfern: was diesen geschieht,
könnte potentiell auch mir geschehen, da das eigene mörderische Handeln ein Beweis
dafür ist, dass es hier keine Hemmung und Schonung gibt, dass solches un-menschliche
Verhalten Menschen potentiell möglich ist. Die Abspaltung der mörderischen Impulse
führt zudem zu einer projektiven Abwehr, durch welche die Ermordeten zu verfolgenden
Geistern und Dämonen werden. Würde die Täter sich ihre eigene Bestialität eingestehen,
so hätte das nach Kattermann ihren narzisstischen Tod zur Folge. Aus diesem Ansatz
wird deutlich, warum ein Heinrich Himmler angesichts der Millionen von Ermordeten
sich und seinen SS-Schergen 1944 attestieren musste, sie seien trotz alledem „anständig
geblieben“.
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Indirekt erfolgt die Anerkennung von Schuld durch die Täter häufig gerade durch den
Verweis auf das eigene Opfersein, die eigenen Leiden, mit welchen bereits genug
gesühnt worden sei. Die Notwendigkeit der „Sühne“ ist ein indirektes
Schuldeingeständnis, das zugleich verweigert wird. Aus diesem Grund wählt Kattermann
die Formulierung „Quasi-Traumatisierung“: sie soll es den Tätern bzw. deren
Sympathisanten in den Generationen ihrer Nachkommen nicht erlauben, dass die Täter
den Opfern gleichgestellt werden.
Nicht selten fühlen sich Täter später von den „Geistern“ der Ermordeten verfolgt. So
berichtete ein Seelsorger während einer Tagung an der Evangelischen Akademie
Hofgeismar von den Beichten und Geständnissen von NS-Tätern auf dem Sterbebett:
einer jener fühlte sich von den Augen einer damals getöteten jungen Jüdin verfolgt.
Angesichts der Vielzahl an Tötungen, an denen dieser Mann unmittelbar beteiligt war,
handelte es sich um eine pars-pro-toto-Reue, in der er sich durch die Augen dieser
ermordeten jungen Frau verfolgt fühlte, indem es ihm schien, dass sie ihn Tag und Nacht
anblickten.
Es stellt sich somit die Frage, ob die Qualität der Quasi-Traumatisierung nicht in der
Entwicklung von paranoiden Ängsten besteht, die sich aus der Verfolgung durch die
eigenen abgespaltenen mörderischen Anteile ergibt.
In den Nachkommen der Täter tauchen diese abgespaltenen Aspekte auf in der
Vermischung des eigenen Selbst mit den mörderischen Anteilen der Väter oder ggf. auch
Mütter, die zur Entwertung und Erstickung des eigenen Selbst führen.
Diese Phänomene zeigen sich zum einen in nicht-therapeutischen Gesprächen mit
Täternachkommen.
Analysiert man zum Beispiel die Gespräche, die Dan Bar-On Anfang der 90er Jahren mit
Kindern von bekannten Nazi-Tätern führte, so erkennt man eine breite Palette an
emotionalen Reaktionen (Bar-On 1996). Wobei eine Gemeinsamkeit alle diese
Nachkommen kennzeichnet: sie waren bereit zu dem Interview-Gespräch mit dem
israelischen Psychoanalytiker, der bei ihnen anfragte und ihr Vertrauen zu gewinnen
suchte.
Bei manchen Nachkommen von Tätern zeigte sich der Wunsch nach der Rettung und
Bewahrung des subjektiv als gut erlebten Objekts. Das Bild der guten Mutter oder des
guten Vaters wurde gelegentlich mit größter Verzweiflung versucht aufrecht zu erhalten,
um den Zusammenbruch des Ideals, der emotionalen Verbundenheit mit dem geliebten
Elternteil zu verhindern und auch, um Gefühle der Schuld und Scham abzuwehren.
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Auf einem Tonbandmitschnitt eines Interviews, das die Ethnologin und Soziologin
Jeanette Toussaint mit einer ehemaligen KZ-Wärterin geführt hatte, wurde das Gespräch
immer wieder von den Interventionen der jüngeren Tochter unterbrochen, die ihre Mutter
daran zu hindern versuchte, weiter zu erzählen – so als werde die alte Frau von der
Interviewerin genötigt. Tatsächlich aber hatte jene einstige Täterin das Bedürfnis, das zu
gestehen, was für die Tochter unerträglich war – und sie flüsterte es beim Abschied im
Hausflur der Interviewerin doch noch zu, als die Tochter einen Moment nicht dabei war:
„ich war auch Aufseherin in Auschwitz“ (vgl. Toussaint 2006; 2007).
Die Loslösung von schuldverstrickten Eltern ist bei manchen Nachkommen regelrecht
blockiert, als hätten sich diese Nachkommen innerlich verpflichtet, das beschädigte Bild
des Elternteils zu schützen und zu heilen – wobei es auch ein idealisiertes Selbstobjekt zu
bleiben scheint.
So musste die Tochter eines hochrangigen und für seinen vehementen Antisemitismus
bekannten NS-Funktionärs, mit der Dan Bar-On sprach, trotz der erdrückenden Beweise
für die Schuld ihres Vaters an einem Bild desselben festhalten, das ihn zum
Unwissenden, zum Opfer der Partei und der Politik machte. Dieser Vater nahm sich im
Oktober 1945 als Angeklagter der Nürnberger Prozesse das Leben. Die Spannung
zwischen der Liebe zu diesem Vater und der Anerkennung seiner umfassenden
Mitschuld sind für sie nicht zu ertragen. Diese Tochter lebt als Wissenschaftlerin allein
und unter Pseudonym. In seinem Buch „Die Last des Schweigens“ (1996) beschreibt
Bar-On diese Verstrickung der Tochter mit dem Vaterbild unter der Überschrift „Der
verborgene König“.
Bei anderen Nachkommen vollzieht sich eine Abwendung bis hin zur völligen
Gegenidentifikation – bzw. Wiedergutmachung durch Identifikation mit der Opfergruppe
der schuldverstrickten Eltern. Eine solche Entwicklung zeigt sich bei jenem
Gesprächspartner Bar-Ons, der zu einem Rabbi in Jerusalem wurde. Dass solche
Gegenidentifikationen in sich hoch ambivalent sind und mit unbewussten
Identifikationen mit dem abgelehnten Elternteil einhergehen, wird Sie nicht überraschen:
im Falle des von Bar-On befragten Rabbis besteht sie darin, dass er den Vater in der
gleichen Weise entmenschlichen und bis zur völligen Negation seiner Existenz verachten
musste, wie jener jüdische Menschen verachtet und als lebensunwert betrachtet hatte.
In ihrem neuesten Buch „Der lange Schatten der Täter“ (2016) hat die Journalistin
Alexandra Senfft mit Nachkommen von NS-Tätern Gespräche geführt, um den Umgang
mit deren Familiengeschichte, die Aufarbeitung, das Verkraften dieser
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Schuldverstrickungen von nahen Menschen zu ergründen. Einer ihrer Gesprächspartner,
Stefan Ochaba, wehrt sich deutlich gegen die Fortsetzung des Opfernarrativs in der
deutschen Gegenwart, wenn er betont: „Ich bin kein Kriegsenkel, ich bin ein Nazi-
Enkel!“ (ebd., S. 286ff).
Grundsätzlich findet man bei Täterkindern und –enkeln eher die Tendenz zur
Distanzierung als zur inneren Nähe – oder beide sind in einem hoch ambivalenten
Mischungsverhältnis anzutreffen.
In psychoanalytischen Prozessen werden tiefer greifende Verflechtungen der
Nachkommen von Tätern mit ihren Vätern oder Müttern offenbar.
Anna-Maria Jokl, die in den frühen 60er Jahren den Sohn von überzeugten Nazi-Eltern in
Behandlung hatte (Jokl 1997), sieht sich von diesem ästhetisch gebildeten philosemitisch
orientierten Weltmann eines Tages mit heftigen aggressiv-entwertenden Angriffen
konfrontiert, über welche dieser im Nachhinein selbst zutiefst erschrickt und beschämt
feststellt: „das bin ich also“. Die abgespaltenen nationalsozialistischen Wurzeln kamen
hier wie sonst in seinen Träumen zum Vorschein. Jokl versucht ihn damit zu beruhigen,
dass dies nicht seine eigene Person sei, sondern die elterlichen Introjekte, die aus ihm
heraus brechen und von denen sich dieser Patient überschwemmt und von sich selbst
entfremdet fühlt. Sie ahnt aber auch, dass dieser Mann unter anderen Umständen – denen
des Vaters – selbst wohl auch imstande gewesen wäre, seine Emotionen abzuspalten und
mit unbewegter Kälte grausam zu sein.
Es sind eben diese Träume, die von der Durchdringung des psychischen Innenraums
durch vergiftende Fremdkörper sprechen, dieselben offenbaren. Anna-Maria Jokl spricht
von väterlichen Introjekten, die in ihrem Patienten wie Fremdkörper existierten und sein
Selbst von innen zu zerstören drohen. Dieser Patient, noch als Kriegskind geboren und
auf einer Nazi-Eliteschule erzogen, berichtet einen Traum, in welchem er sich in einem
schwarz gekachelten Pissoir befindet. Beim Urinieren bemerkt er, dass auch sein Urin
schwarz ist und folglich seine Leber = sprich sein Leben ruiniert und vergiftet ist,
verbunden mit dem Gefühl: Es gibt keine Hoffnung!
In einem zweiten Traum sieht er einen schrecklich verstümmelten Krüppel am Boden
liegen, der so abscheulich sei, dass er unbedingt getötet werden müsse: nicht lebenswert.
Ein zweiter Mann kommt und erschießt den Krüppel, muss ihn sich dann aber auf die
Schulter laden und auf ewig mit sich fort tragen. Beide Männer, der Krüppel und sein
Mörder, tragen sein eigenes Gesicht.
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Auch Anita Eckstaedt (1989, S. 83ff) berichtet von einem Patienten, der seine eigenen
Hände denen des Vaters gleichsetzte und das Gefühl hat, seine Hände sind in Wahrheit
die des Vaters, an denen Blut klebt. Bei diesem Patienten geht es allerdings um eine
Wachphantasie – und so begreift die Analytikerin, dass mit der Aussage, dies seien die
blutigen Hände des Vaters, nicht nur Entsetzen einhergeht, sondern auch eine
Morddrohung verbunden ist. Die Drohung entsteht aus dem Drang des Agierens jener
Taten des Vaters, um die der Patient weiß, die aber nur in ihm selbst mit erkennbaren
Gefühlen von Verzweiflung und Schuld verbunden sind, während der Vater sie als
notwendig abtat und jede Gefühlsregung abwehrte. Zugleich wehrt auch ihr Patient in
gewisser Weise die Einsicht ab, indem er die Therapie als Ort des Agierens erlebt statt
als Ort des Symbolisierens und Aneignens, ein Prozess, der erst in jahrelanger mühsamer
Arbeit schließlich doch gelang.
Einen weiteren sehr eindrücklichen Fall eines unfreiwillig angetretenen Erbes der Nazi-
Verbrechen des Vaters beschreibt Helga Coulters (2016) anhand eines Tätersohnes mit
Borderline-Pathologie und schwerer Zwangsstörung.
Es ist der erste der von diesem Patienten mitgeteilten Träume, der bereits ein deutliches
Bild von den zerstörerischen Dimensionen der psychischen Vergiftung durch die
unverarbeitete und nicht anerkannte Schuld des Vaters gibt.
Der Patient erzählt: „Da lagen Pakete mit toten Leibern vor dem Haus. Sie wurden
begraben, dann aber im Körper eines Mannes verborgen. Der Mann wies auf die wunde
Stelle, an der die toten Leiber in seinen eigenen Körper eingebracht worden waren. Ich
dachte: Mein Gott, es ist doch gar nicht genug Platz in diesem Körper für all diese Pakete
mit toten Leibern“.
Nicht nur war der Patient in diesem Traum erkennbar zum Container der ermordeten
Opfer des Vaters geworden, er wurde, indem er diese Toten in sich aufnahm, auch
stellvertretend für den Vater zu deren Mörder und wurde sich schmerzlich bewusst, dass
er im tiefsten davon überzeugt war, selbst ein Mörder, Vergewaltiger und Serienkiller zu
sein. Er füllt und vergiftet sich mit den Toten, wird zum Grab der Verbrechen seines
Vaters. In der Therapie erlebt er sich gegenüber der Analytikerin zunehmend als jemand
oder etwas, das in die Therapeutin eindringt und ihr Innerstes zerstört.
Diese drei Beispiele dokumentieren eindrücklich, wie sich die psychischen Grenzen
zwischen den Tätern und ihren Nachkommen verschieben (in den drei genannten
Beispielen sind es Söhne), wie der psychische Binnenraum durch den Sadismus, die
aufgenommene Schuld zerstört und zugleich geformt wird, wie die eigene Persönlichkeit
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unter der Last der aufgenommenen Schuld und Destruktivität erstickt wird. Zugleich
setzt sich der Mechanismus in der Reinszenierung dieser zerstörenden Vermischung in
der Beziehung mit dem therapeutischen Gegenüber fort – not-wendigerweise, wie wir
wissen, um das Fremde im Selbst zu erkennen, es identifizieren und durch Benennung
symbolisch kontextualisieren zu können.
Außerhalb der therapeutischen Beziehungen sind es bis dahin die Partnerbeziehungen
und die zu den eigenen Kindern, in welchen sich solche Inactments wiederholen und den
Mechanismus der Schuldverschiebung und Delegation des „Bösen“ fortsetzen. Dabei
werden die Kinder und Enkel nicht zu Kopien ihrer Eltern oder Großeltern, aber die
Grenzverwischungen führen zur Vermischungen des Selbst mit Objektanteilen, die das
Selbst okkupieren und ein Gefühl der Selbstfremdheit, Hoffnungslosigkeit, Getriebenheit
erzeugen mit Tendenzen zu Depressivität, Zwangsvorstellungen und –handlungen,
diffusen Schuld- und Schamgefühlen und Minderwertigkeitserleben.
In seinem Beitrag „Über frühe Modi des Umgangs mit dem psychogenetischen Erbe“
(2009) unterscheidet Joshua Durban drei Varianten des Erlebens dieses Erbes als
Schatten:
– Er spricht vom Leben mit dem Schatten als der normalen Form, mit dem Erbe der
Vorfahren zu leben, es als normale Begleitung des eigenen Lebens zu verstehen und in
sich bewahren/containen zu können.
– Als ein Leben unter dem Schatten bezeichnet er das Erleben des Erbes als
bedrückendes, verfolgendes, konfus unfassbares Etwas, welches das Kind nicht
symbolisieren und assimilieren kann und daher abspalten muss.
– Die dritte Form, das Leben als Schatten ist die Folge sehr früher Katastrophen in einer
Zeit, bevor das Selbst sich bilden konnte, so dass die Ausbildung des Kernbewusstseins
von sich selbst beschädigt ist. Hier ist keine Abgrenzung von Vorder- und Hintergrund
mehr möglich, keine sichere Wahrnehmung der eigenen Existenz in Abgrenzung zu der
des Objekts. Er bezeichnet diese Form des Erlebens als „Chimärismus“. Alle drei
Formen können partiell nebeneinander bestehen.
Die zitierten Träume weisen viele Elemente des Lebens unter dem Schatten auf, indem
die Kinder der Täter zu Containern der von den Vätern bzw. Eltern ausgestoßenen,
unerträglichen Selbstanteile werden und von diesen innerlich verfolgt werden.
Für Kinder und Enkel von Holocaust-Überlebenden können das Leben unter dem
Schatten der Vergangenheit wie das Leben als Schatten Formen sein, in welchen die
Entwicklung des Selbst beeinträchtigt wird. Dies gilt auch für die Nachkommen der
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Täter. Die häufigere Variante ist die des Lebens unter dem Schatten, das nach Durban die
abgespaltenen Objektanteile zu verfolgenden Gespenstern werden lässt – den
„Gespenstern im Kinderzimmer“, von welchen Faimberg, Adelson und Shapiro in ihrem
gleich betitelten Buch sprechen. Das Kind werde zudem „zum Behältnis für Projektionen
der Umwelt – um den Preis, daß es zugunsten der Gespenster des elterlichen Erbes sein
eigenes, aufkeimendes Selbst ausstößt“ (Durban, S. 723). Solche Kinder entwickelten
eine Art „Röhrenpersönlichkeit“, da sie wie offene Röhren alles in sich hinein ließen und
diesen fremden Elementen als Resonanzkörper dienten. Da diesen Kindern zugleich die
Unterstützung durch ein äußeres Objekt fehlt, können sie kein kohärentes persönliches
Narrativ erzeugen – ihr einziger Daseinssinn ist damit, Resonanzkörper zu sein.
Solange diese Inhalte sprachlos weitergegeben werden, stellt Elisabeth Troje (2000)
zufolge die Verzahnung des Unbewussten verschiedener Personen ein gefährliches Erbe
dar, wenn es um die Weitergabe von Unrecht, Schuld, Scham und narzisstischen
Kränkungen geht, die mit traumatischen Erlebnissen verbunden sein können.
Erst durch die Bearbeitung der psychischen Inhalte, der fremden wie eigenen und der
zuordnenden Differenzierung wird Durban (2009) zufolge eine Trennung des Subjekts
von seinem Schatten möglich, dem unverstehbaren transgenerationalen Erbe. Damit
entstehe ein sinnstiftendes Narrativ, durch das aus der Matrix des psychogenetischen
Erbes allmählich ein Gefühl des Selbst auftauchen kann (vgl. ebd., 719).
Erst in der Bewusstmachung und symbolisierenden Aneignung der interpersonalen
unbewussten Kommunikationen werden diese zu einem konstruktiven Element der
Selbstentwicklung in Beziehungen.
Literatur
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Psychosozial-Verlag.
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»Volksgemeinschaft« ihre Niederlage überlebte.» In: Brunner, M., Lohl, J., Pohl, R. &
Winter, S. (Hg.): Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus. Beiträge zur
psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialsismus und seiner
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Coulter, Helga (2016) : Von den Kriegsverbrechen des Vaters zur Zwangsstörung des Sohnes.
Eine Fallgeschichte. In : Psyche – Z psychoanal 70, 685-704.
Durban, Joshua (2009): Schatten, Geister und Chimären – über frühe Modi des Umgangs mit
dem psychogenetischen Erbe. In: Psyche – Z psychoanal 63, 717-747.
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Eckstaedt, Anita (1989): Nationalsozialismus in der »zweiten Generation«. Psychoanalyse von
Hörigkeitsverhältnissen. Frankfurt/M., Suhrkamp.
Jokl, Anna Maria (1997). Zwei Fälle zum Thema ›Bewältigung der Vergangenheit‹. Frankfurt am
Main, Jüdischer Verlag.
Kattermann, Vera. 2015. «Unerträgliche Verbindungen. Nachdenken über Verquickungen von
»Täter und Opfer« – Erfahrungen am Beispiel nationalsozialistischer Gewalt.» Psyche –
Z psychoanal 69 (12):1046-1070.
Moré, Angela. 2014. «NS-Täterschaft und die Folgen verleugneter Schuld bei den
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Nationalsozialismus. Psychoanalytische, sozialpsychologische und historische Schriften.
Gießen, Psychosozial-Verlag, 209-224.
Moré, Angela (2015): Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an
nachfolgende Generationen. In: Mey, G. (Hg.): Von Generation zu Generation. Sozial- und
kulturwissenschaftliche Analysen zu Transgenerationalität. Gießen, Psychosozial-Verlag,
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Senfft, Alexandra (2016). Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NSFamiliengeschichte.
München, Berlin, Zürich: Piper.
Toussaint, Jeanette (2006).Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen
Vergangenheit. Interviews mit ehemaligen SS-Aufseherinnen und ihren Töchtern. In:
Schubert-Lehnhardt, Viola & Korch, Sylvia (Hg.). Frauen als Täterinnen und
Mittäterinnen im Nationalsozialismus. Gestaltungsspielräume und
Handlungsmöglichkeiten. Beiträge zum 5. Tag der Frauen- und Geschlechterforschung der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Halle 2006, S. 147-160.
Toussaint, Jeanette (2007). Tradierung von Entlastungslegenden. Interviews mit einer ehemaligen
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Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück. Begleitband zur Ausstellung. Berlin 2007,
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Troje, E. (2000) Die Weitergabe psychischer Inhalte von Generation zu Generation und ihre
potentielle Auswirkung auf die Entstehung einer Psychose. In: Mentzos, S. & Münch, A.
(Hg): Die Bedeutung des psychosozialen Feldes und der Beziehung für Genese,
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Ruprecht, S. 26-52.
Waldeck, Ruth (2014): Spuren des Grauens. Über Kriegserlebnisse der Väter und ihre Schatten
auf die Nachkriegsgeneration. In: Lohl, J. & Moré, A. (Hg.): Unbewusste Erbschaften des
Nationalsozialismus. Psychoanalytische, sozialpsychologische und historische Studien.
Gießen, Psychosozial-Verlag, S. 225-248.
© Angela Moré 2016

Aktuelles

Wintersemester 2017-18

Das neue Semesterprogramm ist online!

16.02.18

Zur Dekonstruktion geschlechtlicher Normativität - Queer Theory und Psychoanalyse. Die Wiener Psychoanalytikerin Mag.a Dr.in Esther Hutfless wird über die Schnittmengen zwischen Psychoanalyse und Queer Theory sprechen.

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22.09.17

M. Fakhry Davids, britischer Psychoanalytiker aus London, hat am 22.09.17 einen Vortrag zum Themaüber 'Internal Racism' gesprochen.

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20.04.17 ff.

Der Traum und die Psychoanalyse (Vortragsreihe). Torsten Maul, Dozent am Hamburger DPG-Institut hat am 11. Mai über den Umgang mit der Traumerzählung in psychoanalytischen und tiefenpsychologisch fundierten Behandlungen gesprochen; moderiert wurde die Veranstaltung von Gabriele Amelung.

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