Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Hamburg e.V.
der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft

DPG Institut Hamburg

Das schuldige Ich. Ist Wiedergutmachung möglich?

Klaus Grabska. Vortrag auf der 5. Psychoanalytischen Herbstakademie der DPG am 26. September 2016 in Hamburg

Liebe Teilnehmerinnen, liebe Teilnehmer dieser 5. Herbstakademie,
ich freue mich, heute Nachmittag zum Beginn der diesjährigen Herbstakademie zu Ihnen zu dem Thema „Das schuldige Ich: Ist Wiedergutmachung möglich?“ sprechen zu können. Um die Antwort vorwegzunehmen: Sie ist möglich und unmöglich zugleich. Ich werde erstmal davon ausgehen, dass sie möglich ist, um mich dann ihrer Unmöglichkeit zuzuwenden.

Paul, ein 5-jähriger Junge in der ödipalen Phase –
Oder: Das schuldige Ich bei Freud
Der 5-Jährige Paul zeigt seiner Mama immer mal wieder, wie sehr er sie liebt. Mit Papa ist es ambivalenter. Einerseits bewundert er seinen Vater für seine Größe, seine Kräfte und für alles, was Papa kann und was Paul noch nicht kann. Aber es kränkt und demütigt ihn auch, wenn Papa etwas kann, was Paul nicht kann. Dann wird er ärgerlich. Manchmal zieht er sich auch gekränkt zurück. Dann hat er keine Lust mehr, mit Papa zu spielen. In letzter Zeit kam es dazu, dass er seinen Vater attackierte, ihn ganz plötzlich in einer Impulshandlung mit voller Wucht in die Genitalgegend boxte. Irgendwie war eine gewisse aggressive Lust dabei, dann aber auch ein Erschrecken über diese ödipale ‚Kriegshandlung’, aber auch über die Tatsache, dass es dem starken Papa doch spürbar weh tat, dieser böse wurde und mit ihm schimpfte. Auch Mama schimpfte. Beide vermittelten ihm, dass er das nicht wieder tun soll, sie ihn sich da anders wünschen, und dass man das auch nicht macht, jemanden unter der Gürtellinie zu attackieren.
Nun im Urlaub am Meer lag sein Vater auf einer Strandliege. Paul hatte gerade mit seiner Mutter Beachball gespielt. Er kehrte nun zurück und legte seinen Schläger in der Genitalgegend seines überraschten Vaters so ab, dass der Griff des Beachballschlägers nach unten zeigte und rief lustvoll „Pimmel“. Seine Mutter reagierte etwas empört und peinlich berührt, aber sein Vater lässt es nach der ersten Irritation mit einem gewissen Wohlwollen, auch etwas Neugier geschehen. Danach passieren Paul seine impulsiven Attacken nicht mehr.
Paul ist ganz in seiner ödipalen Phase, die in der Regel zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr durchlaufen wird. Die geschilderte Szenerie passt sehr gut zu der damit verbundenen Gefühlsambivalenz zwischen Liebe und Hass. Nach Freud (1923) bildet das Kind mit der Bewältigung seiner ödipalen Konflikte, in deren Rahmen die inzestuösen Wünsche des Kindes mit dem Inzestverbot in Konflikt geraten, und über die Identifikation mit den Eltern, ihren Verboten und ihren Idealen in sich selbst ein Über-Ich als eine psychische Instanz und moralische Autorität aus.
Dafür müssen die Eltern als vom Kind und seinem Selbst getrennte Menschen internalisiert werden. Nun gibt es die wahrnehmbaren Eltern in der äußeren Realität und die vorgestellten Eltern in der Innenwelt des Kindes. Wie vorher das Kind Angst vor dem Liebesverlust seiner Eltern hatte, so hat es nun Angst vor dem Liebesverlust seines Über-Ichs. Dabei hat die Härte des Über-Ichs nicht allein mit der Strenge der elterlichen Verbote zu tun, sondern gerade auch mit der Stärke der Aggression gegen die elterlichen Verbote, die sich dann in die Strenge des eigenen Über-Ichs verwandelt.

 
Etwas, was Freud noch nicht sah:
Die Bedeutung von Wiedergutmachung für die Entwicklung eines Über-Ichs im Dienste des Ichs
Paul hat das Glück, dass er bei allem unangenehmen Ausgeschimpft-Werden auf ein Elternpaar trifft, das ihm sowohl die notwendigen Grenzen setzen als auch das Verständnis geben kann, das ihm hilft, sich nicht übermäßig schuldig und böse fühlen zu müssen. Er muss seine ambivalenten Gefühle und triebhaften Impulse nicht zu stark verdrängen. Die elterliche Reaktion fördert die Bildung eines eher liebevollen und das Kind mit seiner Ödipalität annehmenden Über-Ichs.
Gleichzeitig passierte etwas, was Freud so nicht im Blick hatte, wenn auf die elterliche Reaktion eine gewisse Zeit später, wieder ganz überraschend, eine weitere Reaktion des Kindes erfolgte. Diese Reaktion des Kindes machte deutlich, dass etwas in der Zwischenzeit in Paul weitergewirkt hatte. Innerlich muss Paul mit der psychischen Verarbeitung der elterlichen Reaktion auf seine ursprüngliche Aggression gegen den Vater beschäftigt gewesen sein. Diese unbewusste Verarbeitung mündete wiederum in eine spontane Handlung. Der Beachball-Schläger wird, nach dem Beachball-Spiel mit der Mutter, an den Ort des vorher attackierten körperlichen Objekts des Vaters gelegt und das dazugehörige Wort „Pimmel“ lustvoll geäußert. Für Paul ist damit das Konflikthafte der geschilderten ödipalen Szenerie abgeschlossen. Was meine ich damit?
Wenn wir noch einmal auf die Szenerie schauen, dann können wir sehen, dass bereits angezeigt durch das Spiel mit der Mutter, der ursprüngliche ödipal-inzestuöse Triebkonflikt seine affektive Wucht eingebüßt hat, indem das Trieb-hafte ins Spielerische und ins eigene Phantasieleben integriert werden konnte. Offensichtlich findet dann auf den Vater und seinen Penis bezogen, eine Wiedergutmachung als spielerische Handlung mit einem Gegenstand statt, der für das Kind eine symbolische Qualität hat, die es sowohl mit einem lustvollen Affekt als auch mit seiner Sprache verbinden kann. Dieser Gegenstand steht nun für den ehemals durch Paul angegriffenen und beschädigten, jetzt durch Paul symbolisch wieder hergestellten Penis, der zugleich für den ganzen Vater steht.
Intuitiv nimmt sein Vater diese Wiedergutmachungsgeste an. Und dies ist von entscheidender Bedeutung. Denn dieses Angenommen-Werden geschieht gerade durch den Vater als demjenigen, dem die Aggression galt, aber auch mit dem es Liebe gibt, deren Verlust Paul befürchtete. In diesem Angenommen-Werden steckt zugleich eine signifikante Anerkennung, dass Paul sich von jemanden, der den Vater schädigen wollte und auch beschädigte, durch seine psychische Verarbeitung des damit verbundenen Schuldgefühls in jemanden verwandelt hat, der den beschädigten Vater heilen will und dies zumindest in seiner Vorstellungswelt auch kann. Mit der Annahme der Wiedergutmachungsgeste ist daher unvermeidlich auch die Anerkennung des Kindes als jemand verbunden, der nicht nur eine Fähigkeit entwickelt hat, seine aggressiven Impulse zu bewältigen und eine annehmbare Form für sie zu finden, sondern der auch eine Potenz in sich entdeckt und entwickelt hat, heilen zu können, was er beschädigt hat.
Trotz eines gewissen Schuldgefühls kann sich nun im Kind ein stabiles und reifes Gefühl eines genügend guten Selbst etablieren und das Kind kann den Vater, der die kindliche Wiedergutmachungsgeste angenommen hat, als eine der Verzeihung und Vergebung fähige Elternfigur internalisieren. Dem Kind bietet sich die Chance, ein ihm wohlwollendes und ein das Kind annehmendes Über-Ich zu entwickeln, das sich mit seinen Verboten, Geboten und Idealen in den Dienst des Ichs stellen und für eine ausreichend gute Persönlichkeitsentwicklung sorgen kann.

Pathologisches Über-Ich:
Der innere Krieg gegen das Ich und seine Lebendigkeit
Konflikte mit dem Über-Ich sind eine unvermeidbare Angelegenheit. Sie erzeu-gen Bestrafungsängste und Schuldgefühle im Ich. Oft lassen sich diese Konflikte nicht so günstig auflösen, wie ich es für Paul beschrieben habe. Ein übermäßig strenges und hartes Über-Ich ist gegen das Ich gewandt. Das kann eine tiefgehende pathologische Wirkung haben. Dann führt das Über-Ich einen stummen Krieg gegen die eigene Persönlichkeit und deren lebendige Entwicklung: In der Hysterie gegen die Lebendigkeit, die aus dem Sexuellen stammt, in der Zwangsneurose gegen die Lebendigkeit, die aus dem Aggressiven stammt, und in der Depression gegen die Lebendigkeit überhaupt.
Das destruktive, lebensvernichtende Potential des Über-Ichs wird in der schwersten, der psychotischen Depression offensichtlich. In diesem Sinne sagte Freud von der Melancholie: „Was nun im Über-Ich herrscht, ist wie eine Reinkultur des Todestriebes, und wirklich gelingt es diesem oft, das Ich in den Tod zu treiben“ (Freud 1923, S. 283). Das schuldige Ich hat angesichts seiner vernichtenden Verurteilung tendenziell keine Chance. Oft vollstreckt es die Todesstrafe an sich selbst, dabei den ursprünglichen Tötungsimpulsen gegen das verlorengegangene Liebesobjekt folgend, mit dem es sich so identifiziert, als sei es dieses Objekt selbst. Die Selbsttötung ist daher auch immer die Tötung des internalisierten Anderen, lebensgeschichtlich zuerst eines Elternteils, und dessen vernichtende Verurteilung. Wie können wir das mit der Idee von der Wiedergutmachung verbinden? Ist die Selbsttötung ein Versuch der Wiedergutmachung? Oder ist sie ein Zeichen einer misslungenen Wiedergutmachung? Oder vielleicht etwas von beidem?

Paula, ein fünfjähriges Mädchen in der ödipalen Phase:
Das schuldige Ich in der Depression
Winnicott (1956, S. 25) beschreibt ein fünfjähriges Mädchen. Nennen wir sie Paula. Aufgrund eines Traumes, in dem sie von seinem Tod geträumt hatte, hatte Paula ihren Vater angefleht, keinen familiären Ausflug mit dem neuen Auto zu unternehmen. Der Vater ließ sich nicht beeinflussen. Es kam zu einem Unfall. Paula blieb unverletzt. Sie sah ihren Vater auf der Straße liegen. Sie stieß ihn mit dem Fuß an, um ihn zu wecken, aber er war tot. Vermutlich verband Paula in ihrem kindlichen Denken, das magisch-omnipotente Züge trägt, ihren Traum und mit dem realen Ereignis. Es muss ihr unmittelbar klar erschienen sein, dass sie schuld am Tod des Vaters war. Daraufhin entwickelte Paula eine schwere Depression und wurde fast total apathisch.
Während der Behandlung stand Paula stundenlang in Winnicotts Zimmer und nichts geschah. Eines Tages stieß sie leicht mit dem Fuß, mit dem sie den toten Vater berührt hatte, gegen die Wand. Winnicott nahm das auf und fasste das in Worte, was er glaubte, was diese Handlung bedeuten könnte. Er sagte, dass sie ihren Vater aufwecken wollte, den sie liebte, aber auch dadurch zugleich ihre Wut auf ihn ausdrücken könnte. Damit begann eine Entwicklung, die sie allmählich ins Leben zurückführte.
Ich möchte dieses Fallbeispiel nur unter dem Aspekt der Wiedergutmachung betrachten. Haben wir es nicht um zwei verschiedenen Formen der Wiedergutmachung zu tun? Müssen wir nicht zwischen einer Wiedergutmachung, die unter der Vorherrschaft des Destruktiven steht, von einer Wiedergutmachung unterscheiden, die eine Tür zum Leben öffnet? Es könnte sein, dass es Sinn macht, analog zur Freudschen Unterscheidung zwischen Lebens-und Todestrieb zwischen einer malignen, also bösartigen und einer benignen, also gutartigen Wiedergutmachung zu unterscheiden.
 
Benigne und maligne Wiedergutmachung
Im Fallbeispiel könnten wir in der Apathie von Paula eine emotionale Selbstabttötung und damit einen malignen Versuch der Wiedergutmachung entdecken. Er folgt dem archaischen Talionsprinzip und der Logik „Ein Leben für ein Leben“. Vermischt mit dem Selbstbestrafungsbedürfnis operiert eine verführerische fusionäre Wunschphantasie. Als ob man über den Selbstmord und die Selbstabtötung vermittelt wieder in eine prä-ambivalenten Zustand von Eins-Sein mit dem verlorenen Liebesobjekt kommen könnte. Darin scheint die Gefahr, durch die eigene Aggressivität am Liebesobjekt schuldig werden zu können, ausgelöscht zu sein.
Aus der psychoanalytischen Beschäftigung mit der Suizidalität wissen wir, welche Sogkraft dieses fusionäre Phantasma in der Dynamik der Suizidalität entfalten kann, aber auch welche anti-fusionären Gegenkräfte dagegen geweckt werden können (vgl. Kind 1992). Unter dem anti-fusionären Aspekt können wir in der Apathie von Paula auch die Konservierung eines Zustandes von Rest-Lebendigkeit sehen, in dem mit der Lähmung der Vitalität die dominante selbst-destruktive Tendenz abgebremst wird. So wird ein Zeitraum für die Hoffnung geschaffen, dass jemand kommen und da sein wird, der aus dem Weg der regressiv-malignen Wiedergutmachung heraushelfen kann.
Paula findet ihn in Winnicott, der in einer Fußbewegung, die gut übersehen werden könnte, eine Geste der Wiedergutmachung sehen kann, den Vater wieder zum Leben erwecken zu wollen. Und indem er das Mädchen so sehen und ihre Rest-Fähigkeit zur benignen, gutartigen Wiedergutmachung wahrnehmen kann, wird er als Kinderanalytiker in der Übertragung zu einem Vater, der Paula mit ihrer Ambivalenz von Liebe und Hass annehmen kann. Zugleich erweist er sich im Verständnis für Paula als jemand, in dessen Erleben sie sich mit ihrem Schuldgefühl und ihrer Tragik repräsentiert findet. Dies konnte sie mit ihrem Vater nicht erleben. Schließlich findet Paula in ihrem Kinderanalytiker auch jemanden, der Verständnis dafür hat, dass sich in einem 5-jährigen Mädchen eine Wut bis hin zu einem tiefen Enttäuschungshass herausbilden kann, wenn das väterliche Liebesobjekt mehr an sich selbst und seinem Auto als an seiner ihn liebenden Tochter interessiert ist.

Die psychoanalytische Behandlung:
Die Verwandlung eines malignen in ein benignes Über-Ich
Da Über-Ich-Konflikte und ein sich schuldig fühlendes Ich in allen seelischen Erkrankungen eine wesentliche Rolle spielen, stehen sie mehr oder weniger im Zentrum jeder psychoanalytischen Behandlung. Die psychoanalytische Behandlung basiert wesentlich darauf, dass der Analytiker einerseits bedingt durch die Übertragung als lebendige Manifestation des Über-Ichs und seiner Strenge erlebt und gefürchtet wird, andererseits durch die analytische Bearbeitung dieser Übertragung als jemand erfahren und erkannt werden kann, der sich durch seine den Analysanden annehmende und verständige Weise von einer überstrengen Über-Ich-Gestalt unterscheidet. Im günstigsten Fall kann der Analytiker dann als das Modell eines gutartigen Über-Ichs im Dienste des Ichs des Analysanden von diesem internalisiert werden.
Paulas Fall ist dafür ein Beispiel. Vermutlich wird sie anfangs extreme Angst gehabt haben, in Winnicott eine strenge Über-Ich-Gestalt zu treffen. Von ihr befürchtete sie eine vielleicht vernichtende Verurteilung. Ihre Apathie war daher nicht nur ein stummer Hilfeschrei, sondern auch eine Schutzhaltung gegen die befürchtete Verurteilung. Indem Winnicott ihre andauernde Apathie, ihr Nicht-Spielen-Können und ihre Schweigsamkeit duldete und nicht als Behandlungsverweigerung sanktionierte, konnte Paula langsam das Vertrauen entwickeln, das es braucht, um eine spontane Wiedergutmachungsgeste zeigen zu können. Winnicott konnte diese Geste im Rahmen des analytischen Behandlungssettings so verständnisvoll annehmen wie Pauls Vater intuitiv dessen Wiedergutmachungsgeste in der familiären Alltagssituation. Dadurch helfen beide auf ihre Weise dem Kind, die bösartigen und überstrengen Aspekte eines Über-Ichs in gutartige und eher wohlwollend annehmende Aspekte zu verwandeln.
 
Schuldgefühl als Signal und Schuldgefühl als Symptom
Ich möchte jetzt einen bedeutenden Unterschied zwischen Paul und Paula her-vorheben. Pauls Attacke auf seinen Vater folgt dem Modell einer aggressiven Impulshandlung, der in ihrer Wucht eine triebhafte Qualität innewohnt. Erst über die elterliche Reaktion vermittelt erfährt er, dass diese Handlung verboten ist. Mit seiner späteren Wiedergutmachungsgeste zeigt Paul an, dass er verstehen kann, wieso es das elterliche Verbot gibt. Paul hat ein Verständnis dafür entwickelt, dass er damit dem Vater, den er auch liebt, einen Schmerz oder Schaden zufügte. Das elterliche Verbot und seine Internalisierung schützt ihn nun, durch weitere potentiell schädigende ‚böse’ Aktionen erneut schuldig zu werden. Allein die Absicht, diese aggressive Handlung erneut zu vollziehen, wird nun zukünftig in ihm ein Schuldgefühl erzeugen und ihn davon abhalten, wieder schuldig zu werden.
Das Schuldgefühl hat hier ganz offensichtlich Signalfunktion für das Ich und steht daher in seinen Diensten. Das Schuldgefühl als inneres Signal ist eigentlich die Angst, erneut in der äußeren Realität schuldig werden zu können. Es wird dem Ich quasi vom Über-Ich dann ‚gesendet’, wenn das Über-Ich im Ich eine Absicht zu einer zukünftigen ‚bösen’ Handlung entdeckt. Dieser innerseelische Regulationsprozess findet in der Regel jenseits unserer bewussten Aufmerksamkeit statt. Manchmal wissen wir zwar, wieso wir jetzt dieses Schuldgefühl haben, aber oft verspüren wir nur ein vages Schuldgefühl und wissen eigentlich nicht, wieso es uns gerade belästigt.
Dies hat damit zu tun, dass wir diese ‚bösen’ Absichten und die damit verbundenen ‚bösen’ Handlungsvorstellungen und Wunschphantasien aufgrund der internalisierten Verbote verdrängen, und sie dadurch unbewusst machen und uns daraufhin gutartiger erleben können, als wir es eigentlich sind. Diese Verdrängung kann sich unter bestimmten Umständen so weit lockern, dass wir wieder einen Zugang zum Verdrängten bekommen.
Dies ist im Falle von Paula der Fall, als sie vom Tod des Vaters träumte und dies auf eine verdrängte Vorstellung hinwies, sich seinen Tod zu wünschen. Im Unterschied zu Paul, der passager an einem auflösbaren äußeren Schuldkonflikt mit seinen Eltern litt, litt Paula an einem unauflösbaren verinnerlichten Schuldkonflikt.  Die innere Realität eines unbewussten Todeswunsches erzeugte so unerträgliche Schuldgefühle in ihr, dass Paula sich hilfesuchend an den Vater wandte, der sie damit aber alleine ließ. Sie wollte ihn retten, d.h. vor der Fahrt mit dem Auto bewahren, um nicht mehr die Unerträglichkeit eines Schuldgefühls in sich erleben zu müssen. Seine phantasierte Rettung hätte alles in ihr wieder gut gemacht. Aber da er nicht mitspielte, musste Paula die folgenden Ereignisse in der äußeren Realität, den tödlichen Autounfall, aus ihrer Innen- und Phantasiewelt heraus betrachtet, wie eine Fortsetzung ihres Traumes erleben, eine Fortsetzung, die die unerträglichen Schuldgefühle bestätigte und sie noch intensivierte.
Wenn die Wiedergutmachung ausbleibt oder nicht gelingt, dann bekommen die Schuldgefühle eine unerträglich quälende und verfolgende Qualität. Das Schuldgefühl wirkt hier nicht mehr als Signal, sondern es ist selbst ein psychisches Symptom geworden, an dem Paula seelisch extrem zu leiden hatte. Das Über-Ich steht nicht mehr im Dienste des Ichs, sondern lässt das Ich vermittelt über das Schuldgefühl leiden.
 
Peter Handke alias Gregor Keuschnig:
 Der Mörderträumer
„Wer hat schon einmal geträumt, ein Mörder geworden zu sein und sein gewohntes Leben nur der Form nach weiterzuführen?“, mit dieser Frage beginnt Peter Handkes Roman „Die Stunde der wahren Empfindung“ (1975). Der Protagonist Georg Keuschnig, Pressereferent der österreichischen Botschaft in Paris, wird in eine tiefe existenzielle Selbstverunsicherung gestürzt. Im Traum ermordet er eine alte Frau, wacht auf, aber wach sein ist so unmöglich wie schlafen. Etwas Unerträgliches ist passiert, dass er nicht mehr rückgängig machen kann. Der Einbruch einer bis dahin verdrängten Gefühlsrealität hat eine durchschlagende Wirkung. Deren seelische Verarbeitung wird im Roman als Suche nach der wahren Empfindung geschildert, die in der Stunde des Traums schon angelegt ist.
Am Anfang stehen Scham- und Schuldgefühle, aber insbesondere das Gefühl, durch den Traum aus dem Kreis der Menschheit herauszufallen, aber weiter so tun zu müssen, als ob man dazugehöre. Dieser Entfremdungszustand setzt sich in Empfindungen von Sinn- und Hoffnungslosigkeit fort. Immer wieder erlebt er sich leblos, gefühllos und bedrückt. Wie es für manche Depressive typisch ist, glaubt er ein Doppelleben führen zu müssen, so dass andere wie seine Frau und sein Kind nichts von ihm und seiner Persönlichkeitsveränderung mitbekommen. Manchmal blitzt ein Hass auf seine Frau auf. Aber das scheint irrelevant für sie zu sein. Er wünscht unbekannten Frauen den Tod. Er ist auf niemanden neugierig, doch beobachtet er die anderen und sich mit menschenfeindlicher Distanz.
Dann träumt er wieder: „Er erwachte .... aus einem Traum, in dem er ermordet werden sollte. Er erwachte, weil ihm einfiel, dass er selber der Mörder war. Er war der zu Ermordende, und er war der Mörder. ..... Er lag sprachlos und bewe-gungsunfähig, verpestet von Todesgrausen. Nie würde sich etwas ändern. Es gab weder Fluch noch Erlösung“ (Handke 1975, S.109). Gregor ist nun am Nullpunkt seiner melancholischen Selbstfindung, der zugleich zum Wendepunkt für ihn wird. Es folgt eine Serie von mehreren Träumen, die mit einem lebendigen Traum beginnt, in dem er inzestuös gefärbt mit seiner Mutter tanzt, um danach zu träumen, dass er auf eine Tote trifft, die unbeerdigt an einem abschüssigen Hang lag. Die Mutter in ihm ist nun zugleich als Tote wie Lebendige, als Geliebte wie als Gehasste in ihm präsent.
Deutlich wird, dass Gregor vermittelt über das Träumerische mit dem Teil seiner Persönlichkeit in Kontakt kam, den wir als Muttermörder bezeichnen könnten. Wir können nun erahnen, wieso der Anfangstraum diese erschütternde Wirkung auf Gregors Psyche hatte, welches gravierende Schuldgefühl er in seinem Ich erzeugte und wie sehr ihn sein Über-Ich dafür leiden lässt. Im Folgenden wird er seine Frau, die Mutter seiner Tochter, und die Tochter selbst verlieren. Aber am Ende wird er einen Zugang zu seiner Aggression gewinnen, die ihn freier, männlicher und offener für die Welt machen wird. Davon euphorisiert und leicht manisch getönt erlebte er „sich plötzlich als der Held einer unbekannten Geschichte...“ (Handke 1975, S. 166).
 
Das kreative Potential der Wiedergutmachung –
Durcharbeiten eigener Schuldgefühle in der literarischen Form des Ro-mans
Wie wohl fast alle Romane von Peter Handke wird in ihnen etwas Biographisches dichterisch verarbeitet. In seiner 1972 erschienenen Erzählung „Wunschloses Unglück“ beschäftigte sich der damals Dreißigjährige verdichtet mit dem Selbstmord seiner 1971 verstorbenen 51-jährigen depressiven Mutter und seiner Reaktion darauf. 1973 trennte sich seine Frau, die Schauspielerin Libgart Schwarz von ihm, weil sie seine jähzornige Wut in Verbindung mit seiner literarischen Besessenheit nicht mehr ertragen konnte. Ich nehme an, dass diese aktuelle Trennung in Peter Handke eine höchstambivalente Mutterbeziehung und Ängste vor einer existenziellen Verlassenheitsdepression reaktivierten, die er mit dem 1975 erschienen Roman „Die Stunde der wahren Empfindung“ auf kreativ-dichterische Weise durcharbeitete.
Indem er als Gregor Keuschnig die Mutter, die er im mörderischen Hass tot träumte, in der entscheidenden Traumserie zugleich wieder als geliebte Mutter innerlich lebendig machen kann, übte er Wiedergutmachung in seiner Phantasie- und Gefühlswelt an der Mutter und kann mit dieser Wiedergutmachung sein Schuldgefühl, in seinem Inneren ein Muttermörder zu sein, bewältigen. Wenn Handke das Durcharbeiten des eigenen Schuldgefühls in der literarischen Form des Romans vollzieht, dann verweist das darauf, dass der Wiedergutmachung ein kreatives Potential eigen sein kann. Es kann der Sublimierung tabuisierter Affekt- und Triebregungen dienen und uns helfen tragfähige innere Lösungen für unsere Über-Ich- und Schuld-Konflikte zu finden.
Allerdings lässt das euphorische, manisch getönte Ende des Romans einen Zweifel aufkommen, wie tiefgehend dieser künstlerische Versuch der Wiedergutmachung reicht und ob ihm nicht auch etwas Künstliches oder Falsches anhaftet. Fehlt ihm nicht etwas, etwas, was einem Trauerschmerz über die Verluste gleichkommen würde, die in diesem Durcharbeiten aufgetreten sind? Kommt dann die Kunstform des Romans nicht doch dem psychischen Familienroman nahe, den wir alle nach Freud in uns bezüglich unserer Lebensgeschichte kreieren, damit wir uns vor deren schmerzhaften und konfliktvollen Aspekten geschützt erleben können?
Wenn wir diese fragenden Zweifel empfinden, dann zweifeln wir auch daran, ob wir den Roman als eine Wiedergutmachungsgeste wirklich annehmen können, die er implizit wahrscheinlich sein soll. Es kann eine interessante Frage sein, ob nicht alle Romane oder künstlerischen Produkte eine implizite Wiedergutmachungsgeste verkörpern, die von den Kunst- und Literaturrezipienten anerkannt werden möchte.
Das psychoanalytische Konzept der Wiedergutmachung:
Melanie Klein
Das Konzept der Wiedergutmachung wurde von der Psychoanalytikerin Melanie Klein (1937) in ihrer Arbeit mit Kindern und Erwachsenen entwickelt. Ausgehend von Freuds Gedanken des Todestriebs, der bei ihr eine eigene Gestalt gewann, beschäftigte sie sich besonders damit, wie die bereits mit dem Säuglingsalter beginnende Verarbeitung der eigenen triebhaften Aggressivität als etwas potentiell Destruktives unser Ich strukturiert. Schon sehr viel früher als Freud dachte, beginnt sich ein erstmal primitives Über-Ich mit archaisch grausamen, auf Vergeltung und Vernichtung ausgerichteten Zügen herauszubilden. Innerlich fühlt sich das Ich des Kindes in seiner Gefühls- und Phantasiewelt durch böse innere Objekte verfolgt, die Aspekte einer bösen Mutterimago als Kern des primitiven Über-Ichs repräsentieren.
Erst wenn das Kind Fortschritte darin macht, die eigene Aggression bewältigen zu können, kann es die Spaltung in eine böse und gute Mutterimago überwinden. Es kann dann erkennen, dass die Aggressivität von ihm selbst ausgeht, dass sie sich auf eine Mutterimago richtet, die zugleich das geliebte wie gehasste innere Objekt darstellt, und dass es über die aggressive Macht verfügt, seine inneren Liebesobjekte zu beschädigen, auf die es zugleich angewiesen ist. Wenn das Kind – wie im Fall von Paul und Paula - nun das Gefühl hat, sein Liebesobjekt aggressiv geschädigt zu haben, dann entwickelt es ein Schuldgefühl und den Wunsch, das beschädigte Objekt in seiner Gefühls- und Phantasiewelt wieder heil zu machen, es in seinem Inneren als Liebesobjekt wiederherzustellen, böse in gute Gefühle zu verwandeln und das verlorene gute Liebesgefühl zurückzugewinnen. Das meint Wiedergutmachung.
Wiedergutmachung ist hier eine Phantasieaktivität. Als eine Wiedergutma-chungsphantasie ist sie anfangs mit dem illusorischen Gefühl einer konstruktiven Allmacht verbunden und erst mit der Entwicklung des Realitätssinns werden auch die realen Objekte und die äußere Realität in die Wiedergutmachung mit einbezogen. Allerdings ist wichtig, zu sehen, dass der Einbezug der realen Liebesobjekte und der äußeren Realität primär dazu dient, die Wiedergutmachungsphantasie sowie die Fähigkeit des Kindes zu bestätigen, seine inneren Objekte wieder heil machen zu können. In diesem Sinne schreibt Joan Riviere (1936, S. 184): „Die Kiesel und Steine, die es (das Kind v.m.) der Mutter bringen mag, sind Wiederherstellungen der Kinder und der anderen Körperinhalte, die es der Mutter hat rauben wollen – in der Phantasie geraubt hat“.
Halten wir fest: Bei der Wiedergutmachung in der Psychoanalyse geht es erst einmal um eine innerseelische Phantasierealität. Sie kann durch Handlungen, Erfahrungen und Beziehungen mit anderen in der äußeren Realität gestützt, bestätigt und gefördert oder auch widerlegt, beeinträchtigt und gehemmt werden, aber ihr eigentlicher Wirkungsbereich besteht im Innen- und Gefühlsleben des Ichs.

Formen misslingender Wiedergutmachung:
Manische und konkretistische Wiedergutmachung
Von einer Wiedergutmachung im eigentlichen Sinne können zwei Formen von Wiedergutmachung unterschieden werden. In der manischen Form der Wiedergutmachung wird versucht, das Liebesobjekt auf eine Weise wiederherzustellen, die die Anerkennung von Schuld und der eigenen Aggressivität als Ursache für die Beschädigung des Objekts vermeidet. Zugleich ist sie mit einem latenten Triumph verbunden, bei der Wiedergutmachung scheinbar nicht von anderen hilfreichen Objekten abhängig zu sein, sondern alles allein aus sich heraus wieder gut machen zu können (Segal 1983, S. 126 ff).
Da der eigentliche Schuldgefühlskomplex so nicht verarbeitet werden kann, sondern auf magische und verleugnende Weise zum Verschwinden gebracht werden soll, kann diese Form der Wiedergutmachung keine dauerhafte Wirkung haben. Sie führt nicht aus dem Verhängnis von Beschädigung-Schuldgefühl-Verfolgung-Vernichtungsangst heraus. Der Wiedergutmachungswunsch muss scheitern.
Ein Beispiel: Ein Analysand, noch am Anfang seiner Analyse stehend, lässt eine Analysestunde ausfallen und schlägt der Analytikerin vor, dafür in der nächsten Woche statt der vereinbarten drei vier Stunden zu machen. Natürlich gibt es unzählige Möglichkeiten diesen Vorschlag zu verstehen. Aber wenn wir wissen, dass der Analysand im weiteren Verlauf davon spricht, wie er in der Beziehung zu Frauen übergriffig wird, die betreffende Frau nicht so sein lassen kann, wie sie ist, und sie zu kontrollieren und zu dominieren versucht, dann können wir vermuten, dass mit dem scheinbar harmlosen Stundenausfall die Wunschphantasie verbunden sein könnte, die Analytikerin, die für die innere Mutter steht, übergriffig anzugreifen.
Der Vorschlag einer vierten Stunde stünde dann für den Versuch, den durch die Übergriffigkeit verursachten Schaden bei der Analytikerin-Mutter auf eine Weise wieder gut zu machen, dass der Analysand keine eigene Aggressivität, keine Schuldgefühle und keinen Verlustschmerz mehr empfinden muss. Zugleich kann er mit diesem Vorschlag unbewusst und heimlich über die Analytikerin-Mutter triumphieren, so wie er über alle seine bisherigen Frauen triumphierte. Ihnen gegenüber nahm er eine Position ein, immer über sie bestimmen zu können, dabei eine gewisse Verächtlichkeit und Überlegenheit erlebend.
Wir können im manischen Wiedergutmachungsversuch dieses Analysanden auch etwas von der zweiten, der konkretistischen Form von Wiedergutmachung entdecken. Sein Wiedergutmachungsvorschlag unterstellt, dass eine Stunde ganz konkret durch eine andere Stunde ersetzt werden kann, so wie man bei einem Auto in der Werkstatt das kaputte Teil durch ein funktionierendes Teil ersetzen kann. Henri Rey (1986) nannte diese konkretistische Form der Wiedergutmachung Repair, also Reparatur oder Wiederherstellung, im Unterschied zur Wiedergutmachung, die er Reparation nannte.
Repair als konkretistische Form der Wiedergutmachung hat eine Verbindung zum konkretistischen Denken bei psychotischen, insbesondere schizophrenen Menschen, deren Fähigkeit zum symbolischen Denken und zur mentalen Repräsentation gestört ist. In diesem Sinne beschreibt Rey ein junges schizophrenes Mädchen, das auf den vermutlich schuldhaft erlebten Tod ihres Vaters mit einer wahnhaften Konstruktion reagierte (Rey 1988, S. 462). Sie erklärte dem Analytiker, dass sie ein nettes kleines Haus in sich hätte, in dem ihr Vater leben würde. Sie würde versuchen, ihn glücklich zu machen und ihm Gutes zu essen zu geben. Die Farbe des Hauses wäre selbstverständlich blau wie die die väterliche Augenfarbe. Alles wäre so, damit Mutter am Leben bleiben könnte, denn der Vater wäre der Einzige, der für die Mutter sorgen könnte, die wiederum am Leben bleiben müsste, um für das Mädchen da sein zu können.
Eigentlich könnten wir diese Schilderung als anrührende Geschichte verstehen, aber für das schizophrene Mädchen ist das keine metaphorisch-symbolhaft verdichtete Geschichte und auch keine von der äußeren Realität getrennte innere Phantasiewelt, sondern sie erlebt das Geschilderte als konkrete, nahezu faktische Realität, so wie man eine Halluzination als etwas ganz Reales erlebt. In diesem Sinne bleibt dieser Wiedergutmachungsversuch ganz konkretistisch. Er kann ebenfalls auf Dauer nicht gelingen, da er - wie auch die manische Form - verleugnet, dass es überhaupt etwas gibt, was wiedergutzumachen wäre.
Manische und konkretistische Wiedergutmachungsformen scheinen öfter ge-mischt vorzukommen. Der Analytiker wird dabei vom Analysanden manipulativ in eine Position gedrängt, die die Hamburger Analytikerin Ursula Ostendorf (2012) als Position der Repair-Analytikerin bezeichnete. Sie schildert, wie schwer es ist, sich aus dieser Positionszuschreibung zu lösen und eine Analytikerin zu werden, die wirkliche Wiedergutmachung ermöglichen kann.

Die Wiedergutmachungsgeste:
Winnicotts Konzept von Wiedergutmachung
Eine wesentliche Erweiterung erfuhr das Konzept der Wiedergutmachung durch Winnicott. Er öffnete das Konzept der Wiedergutmachung für den Anderen, die wirkliche Mutter. Sie ist aus seiner Sicht notwendig, damit es zu einer wirklichen Wiedergutmachung führt. Wiedergutmachung wird dadurch zu einem Akt, der sich zwar wesentlich in der Gefühls- und Innenwelt vollzieht, aber erst durch die anerkennende Reaktion der Mutter oder eines bedeutungsvollen Anderen auch in der äußeren Realität verankert wird. Wiedergutmachung wird dadurch zu einem interpsychischen und intersubjektiven Akt.
Winnicott (1945) geht nicht wie Klein von einem Todestrieb aus, sondern davon, dass alle Trieb- und Liebesimpulse zu Beginn unseres Lebens rücksichts-, bedenken- sogar erbarmungslos sind und so vom Kind in Richtung des mütterlichen Liebes- und Triebobjekts geäußert werden. Der ursprünglichen Triebhaftigkeit ist daher Aggressivität eigen, durch die die Mutter sich angegriffen und beschädigt erfahren kann. Damit Wiedergutmachung möglich wird, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein.
Erstens muss die Mutter diese Aggressivität im rücksichtslos auf sie gerichteten Triebhaften psychisch überleben. Das heißt für Winnicott (1969), dass sie für das Angegriffensein keine Vergeltung übt. Sie verzichtet darauf, als Externalisierung eines verfolgenden und mit Vernichtung drohenden archaischen Über-Ichs zu agieren. Dadurch kann das Kind sie einerseits in seinem innerweltlichen Phantasieleben angreifen. Andererseits bleibt sie für das Kind als eine Mutter in der äußeren Realität existent und bereit, das Kind weiterhin mit Mütterlichkeit zu versorgen.
Zweitens zeigt sich die Mütterlichkeit der psychisch überlebenden Mutter darin, dass sie die sich spontan bildende und zeigende Wiedergutmachungsgeste des sich wegen seiner Angriffe schuldig fühlenden Kindes intuitiv wahrnimmt und als solche anerkennt. Sie behandelt die Kieselsteine, die das Kind für die Mutter im Beispiel von Riviere gesammelt hat, nicht gleichgültig, sondern kann sie als bedeutungsvolle Geschenke des Kindes wertschätzen und anerkennen, oft ohne dass es ihr, wie auch dem Vater im Beispiel von Paul, gänzlich bewusst sein wird, dass es sich um eine Wiedergutmachungsgeste handelt.
Mit der Wiederholung von gelungenen Wiedergutmachungszyklen entwickelt das Kind eine zunehmende Fähigkeit zur Reue und zur Besorgnis: „Bedenkenlosigkeit weicht Reue, Sorglosigkeit der Sorge“ (W 1956, S. 29). Und, so möchte ich ergänzen: Vernichten und Verfolgen weicht Verzeihen und Angenommen-Werden.

Wiedergutmachung als Aufgabe des Mutter-Kind-Paares:
Von der monadischen zu einer dyadischen Konzeption
Wir sehen, dass mit der Geste ein interaktiver Aspekt in das psychoanalytische Konzept der Wiedergutmachung eingeführt wird, der die Wiedergutmachung zugleich mit einer gestischen und damit einer Vorform der symbolisch vermittelnden Kommunikation verbindet (Tomasello 2009). So gesehen entsteht Wiedergutmachung aus einer emotionalen Kooperation zwischen Mutter und Kind heraus und dieser Kooperation ist eine in der Regel intuitiv miteinander geteilte Intentionalität (Tomasello 2014) eigen, das Aggressive zwischen Kind und Mutter zu bewältigen.
War es bei Klein primär die Aufgabe des Kindes das Aggressive in sich zu bewältigen, so ist es bei Winnicott eine Aufgabe des Mund-Kind-Paares das Aggressive zwischen sich zu bewältigen. Bei Winnicott ist die Mutter nicht nur mit der Aggressivität des Kindes, sondern auch mit ihrer dadurch in sich ausgelösten Wut auf das Kind konfrontiert (Winnicott 1947). Nur wenn sie diese Wut in sich wahrnehmen, aushalten und sich vergeben kann, kann sie auf Vergeltung verzichten und die Wiedergutmachungsgeste annehmen. Die Psyche der Mutter und der interpsychische Austausch zwischen Mutter und Kind bekommen in diesem Konzept von Wiedergutmachung eine entscheidende Bedeutung.

Pathologische Wiedergutmachung:
Implantation des Schuldgefühls
Wenn die wirkliche, auch gerade im Kontrast zur phantasierten Mutter so eine zentrale Bedeutung bekommt, dann bekommen ihre Persönlichkeit und damit die Art und Weise, wie ihre Psyche funktioniert, einen entscheidenden Stellenwert. Wie das Kind in ihrer Vorstellungswelt repräsentiert ist, welche Wunsch- und Angstphantasien die Mutter mit ihrem Kind verbindet und welche seelische Funktion das Kind für die Mutter erfüllen soll, beeinflussen die Möglichkeiten von Wiedergutmachung.
Winnicott (1944) hat darauf aufmerksam gemacht, dass es eine falsche oder pathologische Art der Wiedergutmachung geben kann, in der es nicht um ein genuines Schuldgefühl des Kindes geht. Stattdessen wird das Kind unbewusst von der Mutter dafür benutzt, um eigene Schuldgefühle zu verleugnen und eine eigene Depression abzuwehren. Das Kind übernimmt dabei die Schuldgefühle der Mutter und die Wiedergutmachung bezieht sich nun auf die mütterlichen Schuldgefühle, die es aber als eigene Schuldgefühle erlebt. Es ist ihm nicht bewusst, dass ihm ein Schuldgefühl implantiert wurde.
In der Folge verliert das Kind den Kontakt zur eigenen Gefühlswelt, entwickelt ein falsches Selbst und gerät in Gefahr, sein wahres Selbst für die Mutter bis hin zur Selbst-Vernichtung zu opfern (Winnicott 1960). Unermüdlich versucht es, die gefühlte Schuld wiedergutzumachen, aber da es keine eigene Schuld ist, kann es dem Kind nicht gelingen. So bleibt es in seinem Innersten mit der Mutter verwickelt, in Wirklichkeit deren Opfer seiend, aber sich immer als Täter gegen die Mutter fühlend, während es zugleich zu den eigenen aggressiven Täter-Impulsen gegen die Mutter keinen Kontakt mehr haben kann. So kann es keine eigene Fähigkeit zur gesunden Wiedergutmachung der Mutter gegenüber entwickeln.
Winnicott deutet an, wie wichtig es ist, wenn ein Analysand mit dieser Kindheitsgeschichte im analytischen Prozess an diesen Punkt der extremen Verwicklung von Mutter und Kind kommt, dass der Analytiker die Position eines Elternteils einnimmt, der sich zwischen Kind und Mutter und auch gegen die Mutter stellt, die das Kind unbewusst für ihr eigenes psychisches Funktionieren missbraucht, ohne die Mutter dafür zu verurteilen. Damit kann sich für den Analysanden, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, die Möglichkeit eröffnen, zu entscheiden, ob er „sein eigenes Leben oder das Leben seiner Mutter führen sollte“ (Winnicott 1944, S. 271).
Verwickelte Täter-Opfer-Verhältnisse:
Unmöglichkeit von Wiedergutmachung?
Anfangs sind wir implizit von einer einfachen Täter-Opfer-Beziehung ausgegangen, in deren Rahmen ein aggressiver Impuls des Kindes die Mutter beschädigt und daraus im Kind ein Schuldgefühl und der Wunsch nach Wiedergutmachung entsteht. Nun, mit Winnicotts Perspektive, wurden die Verhältnisse komplizierter. Nicht nur das Kind hat Aggressionen, auch die Mutter, nicht nur das Kind kann Täter sein, auch die Mutter, nicht nur die Mutter ist Opfer, auch das Kind. Wir haben nun ein verwickeltes Opfer-Täter-Verhältnis.
Wir können solche verwickelten Opfer-Täter-Verhältnisse auch in extremen ge-sellschaftlichen Konfliktsituationen wiederentdecken. Wir sehen dann, wie unter einem riesigen Vergrößerungsglas, wie komplex die Frage der Wiedergutmachung sein kann und wie unlösbar sie uns dann erscheint.  
Die Psychoanalytikerin Vera Kattermann (2012) hat sich eingehend mit dem Modell der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika beschäftigt. Das Modell basierte darauf, dass den Tätern eine Amnestie garantiert wurde, wenn sie vor der Gesellschaft die Wahrheit sagten, indem sie ihre auf Vernichtung zielenden Taten im Rahmen einer öffentlichen Kommissionsbefragung darstellten und eingestanden. Einerseits spricht Kattermann von einem Paradebeispiel gesellschaftlicher Trauma- und Konfliktbewältigung. Denn mit diesem Modell wurde es möglich, eine Befriedung zu erreichen.
Andererseits stellte sie fest, dass oft, wenn die Konfliktspannung zu stark wurde und Hass, Wut, Rache- und Neidgefühle hochkochten, ein besänftigender Versöhnungsdiskurs artikuliert wurde, der die realen Macht- und Gewaltverhältnisse verleugnete. Darin wurde so getan, als ob alle gleichermaßen Opfer der Apartheitsverhältnisse gewesen wären. Wenn alle als traumatisiert und heilungsbedürftig gelten, dann verschwindet mit den Akteuren von Gewalt auch die Frage von Schuld und Verantwortung.
Resümierend stellt Kattermann ein strukturelles Dilemma in der gesellschaftli-chen Versöhnungsarbeit fest, da bisher keine Antwort darauf gefunden wurde, wie die Bedeutungskluft, dass die Gewalttat schwerer für die Opfer als für die Täter wiegt, wirklich überwunden werden kann. Stattdessen bleibt die Gefahr der Re-Traumatisierung des Opfers bestehen, die sich gerade dann zeigt, wenn der Täter die notwendige Wiedergutmachung verweigert. Andererseits: was kann Wiedergutmachung heißen, wenn man es nicht nur phantasierte oder träumte, sondern wirklich jemand gemordet hat? Wenn man nicht nur ein Schuldgefühl hat, sondern wirklich schuldig wurde?
Entschädigung statt Wiedergutmachung
Die Verweigerung von Wiedergutmachung hat natürlich auch in Deutschland eine ganz eigene Geschichte. Was die auf Vernichtung zielende Verfolgung durch das Nazi-Regime mit den Überlebenden psychisch gemacht hat, beschrieb der Psychoanalytiker William G. Niederland als ein die Seele beherrschendes Überlebenssyndrom, das einem andauernden Seeelenmord gleichkommt.
Niederland, selbst als Jude vor den Nazis geflohen, konnte durch seine Gutachten zahlreichen Überlebenden helfen, im Rahmen des Bundesentschädigungsgesetzes zu einer kleinen Rente zu kommen. Er schreibt in seinem Buch „Folgen der Verfolgung“ (1980, S. 235), dass für die Überlebenden weniger das konkrete Geld zählte, als dass sie darin eine symbolische Geste der Anerkennung ihres Leidens sahen, und dass darin der tiefste Sinn von Wiedergutmachung bestehen würde.
Aber war es wirklich so gemeint? Wieso mussten dann so darum vor Gericht gekämpft werden, um als Opfer anerkannt zu werden? Oder handelte es sich um ein Missverstehen? Während sich die Opfer-Seite ihren Wiedergutmachungswunsch als erfüllt vorstellte, könnte die Täter-Seite sich mittels der finanziellen Entschädigung gerade von einer anstehenden Wiedergutmachung und Schuldverantwortung distanzieren. In diesem Falle hätte Entschädigung anstatt Wiedergutmachung stattgefunden.

Die Realität: Identifizierung mit sich selbst als Opfer der anderen, um die Identifizierung als Täter abzuwehren
Kattermann (2015) beschreibt am Beispiel der durch die Nazi-Zeit geprägten Kriegsgeneration, wie unerträglich es psychisch sein kann, sich gleichzeitig als Gewalt-Opfer, z. B. im Rahmen von Kriegshandlungen, und als Gewalt-Täter, z. B. im Rahmen einer aktiven oder passiven Teilhabe an der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, zu erfahren.
Meistens wird diese unerträgliche Verbindung und die damit verbundene Affektspannung so aufgelöst, dass sich der Betreffende als Opfer der anderen erlebt, während er seine Zugehörigkeit zur Tätergruppe abspaltet und emotional verleugnet. Das Opfer-Sein dient dann der Abwehr der Täteridentifizierung und damit von Schuld. Psychisch gesehen entfällt ein Grund zur Wiedergutmachung. Die Bombardierung von Dresden durch die Alliierten löscht dann nicht unbedingt kognitiv, aber in seiner seelischen Bedeutung Auschwitz aus.  
Die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung zu den Verbrechen der Wehrmacht, die von 1995 – 1999 als Wanderausstellung in 34 Städten gezeigt und von über 900 000 Besucher gesehen wurde, war deswegen so eine Provokation, weil sie diese Abwehr durchbrach. Die Ausstellung dokumentierte, wie eine scheinbar ‚normale’ Wehrmacht, die vorgab einem üblichen Kriegshandwerk nachzugehen, tief in die Nazi-Verbrechen des Holocaust, der Massenmorde an Zivilisten und der Vernichtung von Kriegsgefangenen verstrickt war, wovon große Teile der Kriegsgeneration aber nichts mehr wissen wollten.

Das Ideal: Identifizierung mit sich selbst als Täter
Ulla Hahn hat die starke Irritation, die von dieser Wehrmachtsausstellung aus-ging, in ihrem Roman „Unscharfe Bilder“ (2005) auf besondere Weise verarbei-tet. Eine Tochter meint auf einem Ausstellungsfoto ihren Vater erkannt zu haben. Bis dahin kannte sie ihren Vater als Oberstudienrat und Humanisten, der sich stets für einen die Schuld anerkennenden und Verantwortung übernehmenden Umgang mit der deutschen Nazi-Geschichte eingesetzt hatte. Und nun dieses Fotodokument! Katja konfrontiert ihren Vater damit. Ein bis dahin heiles Bild zerbricht. Trotz starker Widerstände wird der Vater sich Stück für Stück darauf einlassen, sich von seiner auf Aufklärung drängenden Tochter erforschen zu lassen und auch sich selbst erforschend daran zu beteiligen. Am Ende wird er sagen: „Trotz allem, was ich nach fünfundvierzig versucht habe, gutzumachen, ein Mörder war ich auch“ (Hahn 2005, S. 275).
Der Vater als Vertreter der Kriegsgeneration spricht zu seiner Tochter als Vertreterin der ersten Nachkriegsgeneration, die als 68ger in die Geschichte eingehen wird. Er vermittelt die emotionale Wahrheit einer ganz persönlichen Verstrickung in ein Nazi-Vernichtungssystem, in dem er persönlich eine wirkliche Mörderposition eingenommen hatte. Er hat wirklich getötet. Das unterscheidet ihn von Gregor Keuschnig und seinem geträumten oder unbewusst phantasierten Mord. Kann ein wirklicher Mord – paradigmatisch für alle Gräueltaten stehend, die Menschen sich gegenseitig antun können - wieder gut gemacht werden? Ist das nicht einfach unmöglich?
Kann das Eingeständnis des eigenen Mörderseins und der Weg dahin, der über eine äußerst schmerzhafte Auseinandersetzung mit sich selbst verläuft, der erste notwendige Schritt zu einer Wiedergutmachung sein? Aber was kann da wieder gut werden? Die Toten können ja nicht mehr lebendig werden? Bezieht die Wiedergutmachung sich dann auf die Überlebenden als Stellvertreter der Toten? Geht es dann darum, diesen Überlebenden zu zeigen, dass das eigene Täter-Sein und deren Opfer–Sein nun ihren wahren Platz in der persönlichen Gefühls- und Innenwelt des Täters gefunden haben? Besteht die Wiedergutmachung dann darin, den Getöteten in sich wieder lebendig werden und einen Teil von sich sein zu lassen? Sich seiner und dem, was man ihm angetan hat, immer wieder zu erinnern? Wenn das Wiedergutmachung wäre, würde sie jemals abgeschlossen werden können? Der Roman jedenfalls endet mit den Worten: „Das Reden würde nicht enden“ (ebda, S. 276).

Identifizierung mit dem Anderen als Opfer
In ihrem Roman beschreibt Ulla Hahn auf idealtypische Weise wie es zwischen der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration zu einer Anerkennung von Schuld und zu einer Verantwortungsübernahme hätte kommen können. Jureit und Schneider, eine Historikerin und ein psychoanalytisch orientierter Kulturwissenschaftler, konstatieren in ihrem Buch „Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung“ (2010), dass dies real gerade nicht der Fall war.
Vielmehr standen sich die frühere Kriegsgeneration, die überwiegend in einer Haltung der Schuldverleugnung verharrte, und die 68ger als erste Nachkriegsgeneration, die im anti-autoritären Impuls auf Aufklärung drängte, unversöhnlich gegenüber. Dabei erlebten sich die 68ger latent als Opfer ihrer schuldigen Elterngeneration. Wie die Mutter, die aus eigener psychischer Unfähigkeit, Schuld zu verarbeiten, die Schuld nach Winnicott dem Kind implantiert, so hatten die 68ger damit zu kämpfen, dass sie durch eine Nazi-Vergangenheit der Eltern mit etwas Unerträglichem belastet wurden, für das sie eigentlich nichts konnten, aber sich dennoch dafür an Stelle der Eltern verantworten mussten.
Sich so in ihrer lebensgeschichtlichen Prägung als Opfer ihrer Eltern verstehend war es für die 68ger nur noch ein kleiner, aber entscheidender Schritt, sich mit den wirklichen Opfern der Nazi-Zeit zu identifizieren. Diese Opferidentifizierung führte in der Hochzeit der 68ger zu einer bisweilen extrem moralisierenden Auseinandersetzung mit der Ex-Nazi-Generation und dem Nationalsozialismus. Mit der Opferidentifizierung war es so, als ob die millionenfach Getöteten nun in ihnen als 68ger-Generation phantasmatisch weiterleben und dort von den verinnerlichten Nazi-Mörder-Eltern verfolgt und mit Vernichtung bedroht würden.
Einerseits zeigte die Härte der generativen Auseinandersetzung zwischen Kriegsgeneration und der 68ger als erster Nachkriegsgeneration und deren Entgleisungen wieviel an Nazi-Destruktivität in der Gesellschaft noch zu verarbeiten war. Andererseits begann mit dieser Auseinandersetzung auf der Grundlage der Opferidentifizierung ein gesellschaftlicher Prozess der Schuldanerkennung und Wiedergutmachung durch Gedenken an die Toten und Austausch mit den Überlebenden als Stellvertretern der Opfer.
Diese Form der Wiedergutmachung durch Erinnern und Gedenken hat sich mittlerweile als ein fester Bestandteil der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft etabliert. Dies ist ein Fortschritt, aber dennoch sind Jureit und Schneider nicht zufrieden damit. Sie kritisieren, dass sich damit ein opferidentifizierter Erinnerungskult etabliert hat, der einer weiteren Vergangenheitsbewältigung im Wege steht, weil in ihm eine Erlösungshoffnung mit einem quasi-religiösen Heilsversprechen verborgen ist. Demnach könnten wir uns um so stärker moralisch entlastet, unschuldig und auf der Seite des rein Guten stehend erleben, desto mehr es uns gelingt, uns ganz mit den Opfern zu identifizieren. Wir beschwören dann offiziell die Wiedergutmachung am Opfer, um uns hinterrücks und unbewusst im selben Vorgang selbst wieder gut zu machen.
Könnte es sein, dass es bei der Wiedergutmachung nicht nur um den zerstörten Anderen, um das zerstörte Liebesobjekt geht, wie es bisher von der Psychoanalyse gesehen wurde, sondern auch um das beschädigte Selbst, das gebrochene Ich?

Deutsche Psychoanalyse: Spaltung und Wiederannäherung
Erinnern wir uns, dass es nach dem Krieg zu einer Spaltung innerhalb der kleinen arischen Rest-Gruppe von Psychoanalytikern kam, die durch eine gewisse Selbstgleichschaltung die Nazi-Zeit durchleben konnten, während mit dem Großteil der Psychoanalytiker auch deren Elite zur Emigration gezwungen wurde (Brecht u.a. 1985). Grob gesagt, können wir sagen, dass die, die eine Kontinuität der alten Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) fortsetzen wollten, der Kriegsgeneration entsprachen, die eine Schuldverantwortung und Wiedergutmachung verweigerten. Davon spaltete sich eine die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) gründende Gruppe ab, die mit den Opfern an Psychoanalytikern in der Nazi-Zeit identifiziert war. Diese Opferidentifizierung ermöglichte der DPV 1950 eine relativ rasche Aufnahme in die Internationale Psychoanalytische Vereinigung. Um so überraschender war es für die DPV als 1977 ihr Antrag, den nächsten IPV-Kongress in Berlin abzuhalten, seitens der IPV abgelehnt wurde. Die Illusion von Unschuldigkeit, die die Opferidentifikation und die Spaltung erzeugt hatte, war plötzlich aufgebrochen.
Ausgehend von diesem Wendepunkt und der Tatsache, dass auch in der Psychoanalyse eine 68ger Nachkriegsgeneration herangewachsen war, setzte in den 80ger und 90ger Jahren in beiden psychoanalytischen Gesellschaften eine Aufarbeitung der Vergangenheit für den Bereich der deutschen Psychoanalyse ein. Die damit verbundene Verantwortungsübernahme von Schuld ermöglichte, dass der erste IPV-Kongress nach der Nazi-Zeit 1985 in Hamburg und ein zweiter IPV-Kongress 2007 in Berlin, der von DPV und DPG zusammen organisiert wurde, stattfinden konnten und dass die DPG 2009 wieder in die IPV aufgenommen wurde.
Diese Entwicklung wäre nicht ohne den sich verdichtenden und kontinuierlichen Austausch mit den ausländischen Analytikern, die auch für die Opfer und die Überlebenden standen, möglich gewesen. Für die DPG steht hierfür insbesondere Anne-Marie Sandler aus London. Sie beschreibt in ihrer biographischen Selbstdarstellung „Konflikt und Versöhnung“ (2015), in welchen persönlichen Konflikt sie bei der Vorstellung geriet, sich auf die deutschen Analytiker der DPG einzulassen. Sie ängstigte sich, dadurch vollkommen diskreditiert und als Verräterin angesehen zu werden.
Ist da nicht auch eine Furcht spürbar, aus der Begegnung mit denen, die für die Täter stehen, mit einem beschädigten Ich hervorzugehen? Vielleicht spiegeln sich darin auch die Ängste der deutschen Psychoanalytiker wieder, ob sie mit ihrem beschädigten Selbst von denen, die für die Opfer standen, angenommen oder vernichtet verurteilt würden.

Bereuen und Bedauern als Weg aus der Opfer-Identifizierung
Für die Wiederannäherung zwischen den beiden deutschen psychoanalytischen Gesellschaften waren die sogenannten Nazareth-Konferenzen von enormer Bedeutung. Zwischen 1994 und 2006 fanden insgesamt fünf Konferenzen statt, auf denen sich Psychoanalytiker der DPV und der DPG mit israelischen Psychoanalytikern trafen und alle sich der dadurch ausgelösten Gruppendynamik und schmerzhaften Verstörungen der Ich-Identität aussetzten.
Was könnten Lehren aus dieser Begegnung sein? Uschi Kreuzer-Haustein (2003) von der DPG und Hermann Beland (2009) von der DPV haben ihre Erfahrungen als Konferenzteilnehmer auch unter dem Aspekt der Selbstbeschädigung der Täter beschrieben. Während Kreuzer-Haustein die Beschädigung der analytischen Identität unter den deutschen Analytikern als Erbe der Nazi-Zeit hervorhebt, betont Beland den Selbstverlust an eigener Menschlichkeit und der Fähigkeit zum Gutsein. Beide sehen die Notwendigkeit, diese Ich-Beschädigung und diesen Selbstverlust zu betrauern, damit wir auch den Verlust der Opfer und das, was wir an ihnen verloren haben, indem wir ihnen etwas antaten, wirklich bedauern und bereuen können.
Mit dieser Sichtweise haben wir die Möglichkeit, einen Bereich jenseits der moralischen Verurteilung und der Furcht vor einem potentiell verfolgenden Über-Ich zu erreichen. Wir können dann sehen, dass wir mit dem, was wir den anderen antaten, uns auch selbst etwas angetan haben, auch wenn dies uns nicht aus Schuld und Verantwortung entlässt und uns nicht den Opfern gleichstellt. Mit dieser Sichtweise haben sich beide psychoanalytische Gesellschaften auch eine Chance erarbeitet, ihre historische Spaltung in Richtung auf eine Kooperation zu überwinden, die doch beiden ihre Eigenständigkeit und Besonderheit lassen kann.

Ist Wiedergutmachung möglich?
Sie sind mit mir einen längeren Weg gegangen, bis wir jetzt zu der Ausgangsfrage dieses Vortrages zurückgekehrt sind.
Wiedergutmachung ist ein Konzept, in das letztlich die Differenz von Vor-her/Nachher eingeschrieben ist, die durch einen phantasierten oder agierten aggressiven oder destruktiven Akt gegen einen anderen, der dadurch beschädigt wird, in die Welt gesetzt wird. Die konkretistische und die manische Form der Wiedergutmachung versuchen diese Differenz des Vorher/Nachher zu nivellieren oder zu verleugnen. Ihr Scheitern belegt, das Wiedergutmachung nicht möglich ist, wenn damit gemeint ist, dass es nachher wieder so wie vorher sein sollte.
Wenn es nicht darum gehen kann, dass es nachher wieder so sein kann wie vorher, dann ist dem Konzept der Wiedergutmachung eine Kluft und eine Negativität eingeschrieben, eine Kluft zwischen dem Vorher und dem Nachher und eine Negativität, dass es das Vorher nicht mehr geben wird.
Wiedergutmachung könnte dann heißen, wir müssen diese negative Kluft immer wieder versuchen, zu überwinden, obwohl es uns nie gänzlich gelingen wird, um sie schließlich durch eine symbolische Anerkennung zu überbrücken, in der sich dem anderen gegenüber, den wir dafür unbedingt brauchen, ein wirkliches Bedauern und Bereuen ausdrückt, ein psychischer Schmerz über die Wahrnehmung der eigenen Bösartigkeit wie den Verlust des eigenen Gutseins, das wir hoffen, wiedergewinnen zu können.
Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass auch die Nazis meinten, etwas am eigenen Volk wieder gut zu machen, was die von ihnen befeindeten politischen Parteien aus ihrer Sicht am deutschen Volk verbrochen hatten. Ein Versprechen der Nazis war, das durch die Versailler Friedensverträge erniedrigte Deutschland von kränkenden Fesseln zu befreien und es wieder in den Status einer Großmacht zu versetzen. Ähnlichkeiten zu Donald Trumps aktueller demagogischer Rhetorik sind dabei wohl auffällig und das politische Versprechen von Wiedergutmachung einer Kränkung erscheint gerade jetzt wieder äußerst attraktiv zu sein.
Es spricht aus meiner Sicht einiges dafür, neben der benignen Wiedergutma-chung, die der Ich-Entwicklung dient, auch die Möglichkeit einer malignen Wiedergutmachung anzunehmen, die unter der Vorherrschaft des Destruktiven steht. Aber können wir diesen Gedanken ertragen, in Hitler auch das zu sehen, was die damaligen Menschen als sein Gut-Sein erlebten, von dem sie sich eine Wieder-Gut-Machung versprachen? Können wir dies ‚Gute’ in Hitler ertragen?
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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Aktuelles

Wintersemester 2017-18

Das neue Semesterprogramm ist online!

16.02.18

Zur Dekonstruktion geschlechtlicher Normativität - Queer Theory und Psychoanalyse. Die Wiener Psychoanalytikerin Mag.a Dr.in Esther Hutfless wird über die Schnittmengen zwischen Psychoanalyse und Queer Theory sprechen.

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22.09.17

M. Fakhry Davids, britischer Psychoanalytiker aus London, hat am 22.09.17 einen Vortrag zum Themaüber 'Internal Racism' gesprochen.

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20.04.17 ff.

Der Traum und die Psychoanalyse (Vortragsreihe). Torsten Maul, Dozent am Hamburger DPG-Institut hat am 11. Mai über den Umgang mit der Traumerzählung in psychoanalytischen und tiefenpsychologisch fundierten Behandlungen gesprochen; moderiert wurde die Veranstaltung von Gabriele Amelung.

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