Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Hamburg e.V.
der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft

DPG Institut Hamburg

Warum Krieg? Oder: Wie KRIEG ich Frieden?

Dr. med. Mechthild Klingenburg-Vogel klingenburg-vogel@web.de
Beim Zitieren die Regeln des Urheberrechts zu beachten!

 

Ja, WARUM?! Man kann es immer wieder nicht verstehen, dass nach all dem
furchtbaren Leid Krieg als Mittel der Konfliktlösung nicht längst geächtet ist und
aktuell sogar von unseren Politikern zunehmend wieder als denk-möglich vermittelt
wird! „Verantwortung übernehmen“ heißt das in Orwell'schem Neusprech.
Hat Bert Brecht Recht, wenn er sagt, dass, solange nur einer am Krieg verdient, es
Kriege geben wird! - Die, die am Krieg verdienen sind: der Militärisch-Industrielle-
Komplex, die Rüstungsindustrie mit Waffenexporten, die Gier nach Ressourcen, Öl
und Wasser sowie Land.
Während der Vorbereitung dieses Vortrags kam ich manchmal mit meiner Fähigkeit,
all das Schreckliche zu containen, an meine Grenzen. Ein Film, in dem eine
Terrorgruppe der Lord's Resistance Army in Uganda ein Flüchtlingscamp überfiel,
drängte sich immer wieder intrusiv in aufkommende Hoffnung, durch Verhandlungen
gewalttätige Konflikte beilegen zu können.
Trotzdem und gerade deshalb möchte ich der Frage nach den Ursachen für Krieg
Ansätze für zivile Konfliktlösungen entgegensetzen.
Bevor ich mich mit psychoanalytischen Erklärungsansätzen befassen werde, möchte
ich grob die aktuellen politisch-ökonomischen, geostrategischen Kriegsursachen
skizzieren und die strukturelle Gewalt am Beispiel des Klimawandels aufzeigen.
Zunächst zum Thema „Krieg um Ressourcen im Rahmen der neoliberalen
Globalisierung“:
Maria Mies stellt in ihrem Buch „Die neuen Kriege. Die neue Kolonisierung der
Welt“ fest, dass die neoliberale Globalisierung zum Krieg führt und umgekehrt
Kriege diese Globalisierung befördern. Der Kampf um die begrenzten Ressourcen,
vor allem Öl, Gas und Wasser sowie um die Kontrolle von Versorgungswegen und
Pipelines ist ein neokolonialer Kriegsgrund, der allerdings oft als „humanitäre
Intervention“ verschleiert wird.
Kein geringerer als Papst Franziskus nennt die Ursache beim Namen: „Das derzeitige
Wirtschaftssystem, der Kapitalismus, braucht den Krieg!“ Dieses Wirtschaftssystem
führe zur Barbarei, indem es Geld in den Mittelpunkt stelle, nicht den Menschen“.
(Interview laut Tagesspiegel vom 13.6.2014, M. Schneider)
Der globale freie Markt und das neoliberale Modell kommen ohne weltweite Gewalt
und militärische Macht nicht aus. Politische und wirtschaftliche „global players“
mischen sich in innerstaatliche gesellschaftliche Umbrüche ein.
Dem Krieg nach außen entspricht ein Krieg nach innen: es kommt zur Zerstörung des
Sozialstaats. Staatliche Daseinsvorsorge wird privatisiert und ausgehöhlt,
demokratisch nicht legitimierte Institutionen, wie der Internationaler Währungsfond,
Weltbank und Welthandelsorganisation sowie mächtige Wirtschafts- und
Finanzakteure bestimmen die Politik.
Die Schere zwischen arm und reich geht weltweit immer weiter auseinander.
Zunehmende gesellschaftliche Ungleichheit und Repression haben radikalisierte
Gewaltbereitschaft zur Folge. (Pickett und Wilkinson 2012).
Die Forderung nach höchster Leistungsbereitschaft und Flexibilität, ICH-AGs und
die Ausbeutung der „Generation Praktikum“ charakterisieren die neoliberale
Ideologie. Margret Thatcher, die „Hebamme“ des Neoliberalismus, sollte uns
aufhorchen lassen mit ihrer Aussage, dass es beim Neoliberalismus nicht um
Ökonomie ginge, sondern darum, das Selbst zu erobern. Nach Rainer Mausfeld
(2016) führt dies zu einer Ökonomisierung der Identität. Als Konsument bedient sich
das neoliberale Subjekt aus dem angebotenen Identitätswarenkorb und kleistert
daraus eine Pseudo-Identität, bei der „life-style“ eine basal unsichere Persönlichkeit
übertönen soll.Derartig unsichere Persönlichkeiten sind leicht zu beeinflussen und zu
manipulieren.
Im Krieg gegen den - inzwischen weltweiten – Terror haben die USA auf die
Anschläge vom 11. September 2001 keine unserem Rechtssystem entsprechende
Antwort gegeben, sondern nutzten den Krieg gegen Afghanistan, Irak und Libyen,
um ihre militärische Stärke und Dominanz zu beweisen.
Abgesehen von dem dadurch verursachten immensen menschlichen Leid (1 – 2
Millionen Tote!), den Verwüstungen und der Zerstörung staatlicher Strukturen mit der
Folge von unglaubliche Chaos hat dies die Steuerzahler in den USA und ihre
Verbündeten – auch uns! - 3 Milliarden $ gekostet! Dieses Geld fehlt bei dringend
notwendigen Investitionen im sozialen, kulturellen sowie im Bildungs- und
Infrastrukturbereich!
Verdient hat die Rüstungs-, Öl- und Bauindustrie.
Aber weshalb wehren sich die Vielen, die doch nie vom Gewinn profitieren, nicht
gegen Kriege? Werden sie so geschickt durch Propaganda für scheinbar hehre
Kriegsziele gewonnen? Oder verhindert die lustvoll-identifikatorische Teilhabe
insbesondere sozial schwacher Schichten am Glamour der Mächtigen, die von der
Regenbogenpresse und von Soaps bedient wird, dass z.B. durch ein gerechteres
Steuersystem „eine andere Welt möglich und erkämpft würde“?
Der folgende Satz „Es gibt Personen, die vorhersagen, erst das allgemeine
Durchdringen der bolschewistischen Denkungsart werde den Kriegen ein Ende
machen können, aber von solchem Ziel sind wir heute jedenfalls weit entfernt, und
vielleicht wäre es nur nach schrecklichen Bürgerkriegen erreichbar.“ - Dieser Satz
stammt nicht von Karl Marx, sondern von Freud (Freud 1933)!
Nach Naomi Klein (2015) befindet sich unser dereguliertes Wirtschaftssystem, das
die soziale Marktwirtschaft abschaffte und auf immer mehr Wachstum ausgelegt ist,
im Krieg mit unserem Ökosystem. Seit den Warnungen des Club of Rome 1972
wissen wir, auf was die Welt zusteuert – und wir verleugnen es – auch weil wir uns
ohnmächtig fühlen, und wir leben blind weiter im „Weiter So!“, obwohl unser
ökologischer und der damit verbundene soziale Fußabdruck verheerende Spuren
hinterlässt.
Die globale Ungerechtigkeit des reichen Nordens gegenüber dem armen Süden führt
zu zunehmender Gewalt. Das riesige Reservoir an arbeitslosen, perspektivlosen
Männern zwischen 15 und 30 Jahren, die heute als „verlorene Generation“ ein
Großteil der Bevölkerung in der Dritten Welt, aber auch in Südeuropa, ausmachen,
sind (Testosteron-geflutet) eine Quelle von Instabilität und Gewalt. Sie sind
empfänglich, als Kämpfer für fanatische Ideologien mit der Macht der Kalaschnikoff
die Wut über das Unrecht und die Demütigung ihres Gescheitertseins auszuagieren.
Terror ist der Krieg der Armen, Krieg ist der Terror der Reichen! - sagt Sir Peter
Ustinov.
Strukturelle Gewalt ist ein nicht direkt sichtbarer Krieg:
Der Friedensforscher Johan Galtung unterscheidet zwischen direkter, physischer,
„personaler“ und indirekter, struktureller Gewalt. Strukturelle Gewalt bedeutet, wenn
ökonomische, politische, rechtliche und kulturelle Verhältnisse eine vermeidbar
mangelhafte körperliche und geistige Verwirklichungsmöglichkeit von Menschen
bedingen. Dazu gehören unter anderem soziale Ungleichheit, vermeidbare Armut,
Hunger, fehlende Bildungsmöglichkeit und Unfreiheit.
Strukturelle Gewalt ist z.B., wenn durch erzwungene Freihandelsabkommen der EU
mit afrikanischen Staaten die nicht konkurrenzfähigen afrikanischen Märkte durch
die von der EU subventionierten landwirtschaftlichen Billigprodukte überschwemmt
werden, sodass afrikanische Bauern bankrott gehen und Arbeitslosigkeit, Armut und
Flucht zunimmt.
Auch der von den Industrienationen zu verantwortende Klimawandel ist strukturelle
Gewalt. Er führt in den subsaharischen Ländern durch zunehmende Dürre zu
massiven Wanderungsbewegungen und dadurch wiederum zu gewalttätigen
Konflikten um Wasserstellen.
Und wenn alle 5 Sekunden ein Kind an den Folgen von – vermeidbarem! -
Hunger stirbt, dann, so Jean Ziegler, der ehemalige Beauftragte der UNO für das
Recht auf Nahrung, dann ist der 3. Weltkrieg schon im Gange! - Wie weit fühlen
wir uns dafür mit verantwortlich?! Wie weit reicht unsere Identitfikationsfähigkeit!
Kriege werden in der Regel nicht von den Unterprivilegierten, Schwachen,
Hungrigen gegen die dafür Verantwortlichen angefangen, sondern Kriege sind Folge
pathologischer narzisstisch-ökonomischer Bedürfnisse der Herrschenden nach
Machtzuwachs.
Krieg dient außerdem auch dem Bedürfnis nach Stärkung von Kohärenz und Identität
einer Gruppe. – Es ist eine bekannte historische Tatsache, dass Konflikte im Inneren
eines Staates durch einen Außenfeind, der als Bedrohung dargestellt wird, zum
Schweigen gebracht werden können. Andererseits kann festgestellt werden, je
konfliktfähiger eine Gruppe nach innen ist, umso friedfertiger kann sie nach außen
sein.
Machtpolitische Interessen als Erklärung reichen Stavros Mentzos (2001) zufolge
jedoch nicht aus, um bei Interessenkonflikten die Entscheidung für Krieg und gegen
Verhandlungslösungen zu begründen: Es bedarf zusätzlicher psychosozialer Faktoren,
um die, die dann den Krieg zu erleiden haben, dafür bereit zu machen. Solche
psychosozialen Faktoren sind z.B. die Kompensation narzisstischer Defizite durch
Hingabe an ein Ideal, die Externalisierung intrapsychischer und
innergesellschaftlicher Konflikte sowie das Bedürfnis, sich als Nation in der
entwertenden Abgrenzung vom Feind zu konstituieren.
Ich komme jetzt zur Suche nach psychologischen Erklärungen für Kriegsbereitschaft
und damit zur Frage: Warum Krieg?
Diese bedrängende Frage „Warum Krieg?“ ist der Titel von Freuds Antwort von 1932
an Albert Einstein, der ihn, auf Vermittlung des Völkerbunds, gebeten hatte, mit
seinem Fachwissen Vorschläge zu machen, wie die psychische Entwicklung der
Menschen so zu leiten wäre, dass sie „den Psychosen des Hasses und des
Vernichtens“ gegenüber widerstandsfähiger würden.
Einstein und Freud erhofften eine „sichere Verhütung der Kriege“ vor allem, „wenn
sich die Menschen auf die Einsetzung einer Zentralgewalt“ einigen würden, der die
Schiedsrichterfunktion in allen Interessenkonflikten zugestanden würde (Freud 1933,
S. …). Dem stehe, so Einstein, das „Machtbedürfnis der jeweils herrschenden
Schicht eines Staates“ entgegen, „einer skrupellosen Menschengruppe, denen Krieg,
Waffenherstellung und -Handel nichts als eine Gelegenheit sind, persönliche Vorteile
zu ziehen, den persönlichen Machtbereich zu erweitern. ...“.
Einsteins Frage, „wie ist es möglich, dass die soeben genannte Minderheit die Masse
des Volkes … dienstbar machen kann, die durch einen Krieg nur zu leiden und zu
verlieren hat? … Wie ist es möglich, dass sich die Masse bis zur Raserei und
Selbstaufopferung entflammen lässt?“ - Diese Frage beschäftigt mich seit langem und
war Triebfeder für diesen Vortrag.
Wenn man nach Ursachen für Kriegsbereitschaft aus psychoanalytischer Sicht sucht,
kommt man an der Auseinandersetzung um die Todestriebtheorie nicht herum:
In seiner Arbeit „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“, die Freud 1915 unter der
Erschütterung des I. Weltkriegs verfasste, wird seine tiefe – depressive –
Enttäuschung deutlich, dass die Völker, trotz ihrer hohen Kulturleistungen ihre
Interessenkonflikte nicht anders als durch Krieg austragen könnten und er vermutet
das Wirken einer später „Todestrieb“ genannten Kraft: „Der Todestrieb“, ist zunächst
gegen das eigene Leben gerichtet, „das allen Lebewesen eingeborene Verlangen, zum
Zustand der unbelebten Materie zurück zu kehren“. Er wird zum Destruktionstrieb,
indem er … nach außen - gegen Objekte - gewendet wird. Das eigene Leben soll
bewahrt werden, indem fremdes zerstört wird. Freud erhofft sich durch Kultur im
Sinne von Verinnerlichung der Aggression und deren Sublimierung Regeln und
Gesetze i.S. eines benignen Überichs oder eines vernünftig vermittelnden Ichs
geschaffen werden. Durch Triebverzicht, Triebsublimierung und durch Triebkontrolle
sollte der Destruktionstrieb gebändigt werden: Freuds Arbeit schließt mit der
Hoffnung: „Alles was die Kultur fördert, arbeitet gegen den Krieg!“
Mentzos kritisiert die Todestriebtheorie. Er geht von einem angeborenen aggressiven
affektiven Verhaltensmuster aus, das reaktiv zur Durchsetzung narzisstischer und
objektbezogener libidinöser Ziele aktiviert wird. Aggressive Affekte können
insbesondere durch narzisstische Kränkungen aktiviert werden.
Aggression sei nicht die Ursache, sondern das Instrument des Krieges.
Mentzos stellt außerdem fest, dass Soldaten meist nicht aus eigennützigen Gründen
oder aus Aggression ihr Leben im Krieg einsetzten, sondern aus Hingabe an
altruistische und als moralisch empfundene Werte der eigenen Gruppe und zu deren
Schutz. (Die Identifikation mit dem elterlichen ÜBER-ICH erfolge nicht nur aus
Strafangst, sondern aus Liebe.)
Seine Kritik an der Todestriebtheorie fasst Mentzos zusammen: „Sofern Aggression
in der Dynamik des Krieges eine Rolle spielt, ist sie das Instrument des Krieges, nicht
seine Ursache“.
Die Todestriebtheorie war und ist unter Analytikern umstritten: Insbesondere schon
früh Alfred Adler, sowie Karen Horney und Erich Fromm sahen in psychosozialen
Bedingungen, in Frustration und Ungerechtigkeit die eigentliche Ursache für reaktive
destruktive Aggression.
Es geht auch hier um den Streit „Natur“ versus „Kultur“.
Ich meine, dass eine biologisch-triebhafte Ausstattung des Menschen als „erste
Natur“ umstritten bleibt, weil der Mensch als ein von Anfang an soziales, in soziale
Bindungen eingebundenes und in eine Gesellschaft hinein geborenes Wesen, immer
nur in seiner zweiten, durch die soziale Umwelt und Kultur beeinflussten Natur zu
beobachten ist.
Die Todestriebtheorie ist Ausdruck eines tief pessimistischen Menschenbildes, das
durch die Säuglingsforschung widerlegt ist. Sie hat der Psychoanalyse den Vorwurf
der Psychologisierung gesellschaftlicher Verhältnisse – und damit deren
Verschleierung - eingebracht.
In der militärischen Ausbildung muss durch Zerstörung von Empathie und
Bindungsbedürfnissen und durch dehumanisierende Feindbild-Mechanismen die
natürliche Tötungshemmung überwunden werden (Film: Soldier Girls). Erst im
Verlauf entwickelt der Krieg eine eigene Dynamik, bei der kontraphobisches
Verhalten, Hass und Rachebedürfnisse für erlittene Verletzungen und Verluste wichtig
werden und es dann tatsächlich auch zu blindwütigen Gewaltorgien und Massakern
kommen kann (MyLai). Dabei geht es in der sadistischen Rachelust um den Triumph
über die Erniedrigung des Anderen und die Wiederherstellung der eigenen Macht, das
Hochgefühl, Herr über Leben und Tod zu sein.
Nach Robert Jay Lifton geht es eher um die narzisstische Abwehr von Begrenztheit
und letztlich der eigenen Sterblichkeit. Sie führt dazu, dass die eigene Schwäche,
letztlich der eigene Tod abgewehrt und im Gegner untergebracht wird: Ich habe die
überlegene, - und das heißt unsterbliche - Religion, Rasse oder Nationalität, nicht Du!
Indem ich Dich töte, beweise ich meine Unsterblichkeit.
Das stärkste Gefühl, den Tod zu transzendieren wird dadurch erzeugt, am heroischen
Triumph über das Böse teilzunehmen. Aus Angst vor dem Tod werden Menschen zu
rigiden Weltbildern und charismatischen Führern hingezogen, die ihnen das Gefühl
vermitteln, Teil von etwas Großem zu sein und heroisch über die, die böse“ sind, zu
triumphieren. (Greenberg & Arndt, Terror Management Theory).
Während Wilhelm Reich Destruktivität als eine durch sexuelle Repression
entstehende Perversion versteht, schließt Michael Lukas Möller aus der sexuellen
Attraktivität von muskulösen oder uniformierten Männerkörpern und der phallischen
Faszination von Waffen auf das Zusammenwirken von Sexualität und Aggression.
Dass Clausewitz sich vor einer Entscheidungsschlacht gefühlt habe „wie vor seiner
Hochzeitsnacht“, verweise auf die Gleichsetzung von Krieg mit Geschlechtsverkehr.
Erreiche die aggressive Erregung einer Masse erst einmal eine gewisse Intensität, so
sei sie – wie die orgiastische Erregung - nicht mehr zu stoppen und dränge auf
Entladung.
Furchtbare Massenvergewaltigungen waren z.B. im Jugoslawienkrieg offizielle
Kriegs-Strategie.
Durch Vergewaltigung soll über die Triebbefriedigung hinaus männliche Macht über
schwache und verletzliche Weiblichkeit triumphieren. Außerdem soll der Gegner
dadurch besonders gedemütigt werden. Und im so durch Zwang gezeugten
Nachkommen mit dem Erbgut des Vergewaltigers wird der Andere quasi nochmals
ausgelöscht.
Nach Erich Fromm bewirkt der Krieg eine Umwertung aller Werte und ermöglicht,
dass tief eingewurzelte Impulse wie Altruismus und Solidarität, die durch Egoismus
und Konkurrenzkampf in Friedenszeiten unterdrückt würden, zum Ausdruck kommen
könnten. Klassenunterschiede würden weitgehend verschwinden.Wenn das
bürgerliche Leben für Abenteuer, Solidarität, Gleichheit und Idealismus Raum hätte,
wie sie im Krieg zu finden sei, könnte man die Menschen vermutlich nur sehr schwer
dazu bewegen, in den Krieg zu gehen. - Sind Gefühle von Langeweile und Sinnleere
trotz dauernder gewalttätiger Reizüberflutung sowie Sehnsucht nach
Selbstwirksamkeit weitere Ursachen für die Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen?
Zumindest findet man offenbar derartige Motive bei vielen der Jugendlichen, die sich
vom IS verführen und anwerben lassen!
Weiterhin führt die Abwehr tiefsitzender Ängste und eine paranoide Verarbeitung von
Trauer mit Vermeidung schmerzlicher Trauerarbeit zur Verleugnung der mit dem
Krieg verbundenen Todesangst. Dies zeigt sich insbesondere in den Ritualen
„militarisierter Trauer“ der „für Volk und Vaterland auf dem Felde der Ehre“
Gefallenen. - Man kann nur sagen: Weh dem Volk, das Helden nötig hat!
Andere psychoanalytische Autoren sehen in Schuldgefühlen, die aus dem
Ambivalenzkonflikt gegenüber dem Primärobjekt resultieren, Gründe für
individuelle Kriegsbereitschaft. Wenn der intrapsychische Ambivalenzkonflikt
zwischen Bindungsbedürfnis an die primären Objekte einerseits und Autonomie
andererseits nicht gelöst werden konnte, so führen die abgewehrten Schuldgefühle
gegenüber dem Primärobjekt zu Spaltungs- und Projektionsmechanismen, bei denen
der Feind als Container für „das Böse“ dienen muss. Derartige Pseudolösungen des
Grundkonflikts bringen oft Bedürftigkeiten, Ängste, Aggression, Scham-, Schuldund
Minderwertigkeitsgefühle sowie Depressionen mit sich, für die der Krieg eine
gewisse Kompensation zu bieten scheint.
Deshalb sieht Mentzos den Hauptindikator zivilisatorischen, kulturellen Fortschritts
in den schöpferischen dialektischen Lösungen des Grundkonflikts.
Die Beziehung zum Anderen/Andersartigen aus intersubjektiver Sicht nach Jessica
Benjamin:
Kann die dialektische Spannung zwischen Gleichsein und Einfühlung in den Anderen
auf der einen Seite und dem Wissen um Getrennt- und Verschiedensein auf der
anderen, nicht ausgehalten werden, führt dies zu einer Macht-Ohnmacht-Beziehung.
An die Stelle des dialektischen „Sowohl ich als auch Du und Wir beide“ tritt das den
Anderen ausschließende „Entweder Ich oder Du“.
Das Merkmal einer derartigen, Anders-Sein ausschließenden Beziehung ist
Herrschaft oder Unterwerfung. Die Empathiefähigkeit wird unterminiert und durch
Feindbilddenken ersetzt. (Benjamin 1993).
Eine wichtige Bedingung für Gewaltbereitschaft liegt in den jeweils herrschenden
Erziehungspraktiken.
Der Psychohistoriker Lloyd de Mause postuliert, dass über Geschichte zuerst in den
Familien entschieden werde - durch Misshandlung der Kinder.
Gewaltbereitschaft beginnt in der Tat schon bei der Kindererziehung, die früh und oft
auf subtile Weise, durch Liebesentzug oder Beschämung Anpassung und
Unterwerfung fordert. Eine Erziehung, die, jede Einfühlung verweigernd, durch
sadistisch-autoritäre Unterwerfung das Bindungs- und Schutzbedürfnis des Kindes
missachtet, wird in allen totalitären Staaten propagiert. Dies führt statt zu Urvertrauen
zu Urmisstrauen. Urmisstrauen disponiert zu paranoider Weltsicht und Freund-Feind-
Denken und hat zur Folge, dass ein autoritäres, von Anderen abhängiges Gewissen,
ein autoritärer Charakter (Adorno), entwickelt wird.
Sehr eindrucksvoll hat dies Sigrid Chamberlain in Ihrem Buch über die alle
Bindungsbedürfnisse zerstörende Erziehung in der Nazizeit beschrieben, die bis in
die heutige Enkelgeneration hinein negativ fortwirkt.
Aus der Erfahrung eines Kinderladens beschreibt Paula Wolff, wie Kinder beim
Streiten um ihre moralische Rechtfertigung kämpfen, indem sie darauf bestehen, nur
auf die Aggression des Anderen reagiert zu haben. Wird die Anerkennung als
Leidtragender verweigert, führt die Fassungslosigkeit über dieses Unrecht zu noch
mehr Wut. Es kommt zu einem Konkurrenzkampf um die Opferrolle. Ausgangspunkt
des Konflikts ist jedoch immer Kummer über eine Verletzung. Eine Verletzung der
Würde („sie hat mich ausgelacht“), von Besitzrechten („die haben mir mein Buch
weggenommen“), von körperlicher Integrität („er hat mich gehauen“) oder von
sozialen Bedürfnissen („die lassen mich nicht mitspielen“). Während die
Zweijährigen weinen und Trost und Unterstützung suchen, überspringen die Fünf- bis
Siebenjährigen diese Schmerzäußerungen. Sie lassen sich keinen Raum für ihre
Trauer. Es folgt, wie bei Erwachsenen, sofort die Vergeltung - wie nach den
Anschlägen vom 11. September 2001 der „Krieg gegen den Terror“.
Kriege sollen als „gerecht“ legitimiert werden, indem die eigene kriegerische
Aggression als „Selbstverteidigung“ dargestellt wird. Dabei werden Tatsachen
verdreht, feindliche Überfälle provoziert oder „False-flag“-Aktionen vorgetäuscht,
wie der Überfall auf den Sender Gleiwitz am 1.9.1939, der als Vorwand zum
Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach Polen und damit zum Beginn des II.
Weltkriegs wurde.
Dieses Muster, sich als Opfer feindlicher Übergriffe darzustellen, beweist, dass
eigentlich ein klares Unrechtsbewusstsein vorhanden ist und durch Lügen die
Zustimmung der Bevölkerung erreicht werden soll. - „Jeder Krieg beginnt mit einer
Lüge!“
Jessica Benjamin hat für Beziehungen, in denen beide Seiten sowohl Täter als auch
Opfer sind, beschrieben, wie dies zu einem endlosen Hin und Her gegenseitiger
Schuldzuweisungen führen kann. Es bleibt kein Raum für Zweifel, Ambivalenz und
Kompromiss. Dabei wird die Realität oft von der mächtigeren Seite umgedeutet.
Die Projektion der eigenen, nicht integrierten Ohnmachts- und Schuldgefühle sowie
der eigenen Aggression in den Anderen bedeutet jedoch eine Enteignung des eigenen
authentischen Identitätsgefühls und von Subjekthaftigkeit, die die eigene
Urheberschaft anerkennen würde. In einem derartigen dyadischen Macht-Ohnmacht-
Kampf geht die Position des Dritten verloren. Jessica Benjamin nennt diese Position
des Dritten „moralische Drittheit“.
Menschenrechte, Völkerrecht, Genfer Konventionen sowie UNO und Internationaler
Strafgerichtshof entsprechen dieser moralischen Drittheit. Dies sind wichtige
Kulturentwicklungen!
In der militärischer Erziehung spielen Gehorsam und Unterwerfung eine wesentliche
Rolle:
Nach Arno Gruen verhindert die Erfahrung mangelnder empathischer Resonanz die
Entwicklung einer eigenen Identität und führt zur Unterwerfung unter die
Erwartungen des mächtigen Erwachsenen, um dessen Liebe zu erlangen.
Unterwerfung führt zu Minderwertigkeitsgefühlen, die durch Gefühle von
Überlegenheit, z.B. zu einem Herrenvolk zu gehören, abgewehrt werden.
Gehorsam ist der psychologische Mechanismus, durch den individuelles Handeln,
für das man dann nicht mehr verantwortlich ist, an politische Zwecke und an
Autoritätssyteme gebunden wird. An die Stelle wirklichen
Verantwortungsbewusstseins tritt Pflichterfüllung. So erklärten alle Nazi-Täter, sie
hätten nur ihre Pflicht erfüllt und seien daher nicht schuldig. Auch der Bomberpilot
der Hiroshimabombe, - die er „Little Boy“ nannte und seinem Flugzeug „Enola
Gay“, den Namen seiner Mutter, gab -, sagte, konfrontiert mit den Hunderttausenden
Toten: „So hätte jeder Soldat weltweit gehandelt: Befehl ist Befehl!“
Dabei ermöglicht die Grundannahme der guten Meinung von sich selbst (C.
Biermann 1995), Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen und, wie von
Himmler in seiner furchtbaren Posener Rede vor SS-Offizieren 1943 über die
Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung im Osten behauptet, noch das
Gefühl dabei zu haben, „anständig geblieben zu sein!“.
Die Überzeugung, „wir sind die Guten“ und die anderen gehören zur „Achse des
Bösen“ (George Bush jr), ermöglicht heute, dass völkerrechtswidrige Invasionskriege
und extralegale Tötungen stattfinden, obwohl sie gegen die von uns selbst
propagierten Werte und Rechtssysteme verstoßen.
Wer die Macht hat, hat das Recht zu Doppelstandards!
So, wie es Kindern schwer fällt, den Missbrauch durch ein Elternteil vor sich selbst
anzuerkennen, fällt es schwer zu realisieren, dass die USA nicht mehr „die Guten“
sind und insbesondere, dass die Politik der USA nicht unserem Schutz verpflichtet ist.
Die Gefahr für Deutschland, zum atomaren Schlachtfeld zu werden, wurde in den 80-
er Jahren durch die Aufstellung von amerikanischen und dann auch russischen Kurzund
Mittelstreckenraketen (1983) in Europa massiv erhöht. Die große
Friedensbewegung, die die Angst vor den Folgen der durch die massiv verkürzte
Vorwarnzeit akut verschärften Atomkriegsgefahr in der BRD ausdrückte, wurde als
Massenhysterie diffamiert.
Ein dokumentarischer US-amerikanische Film „Fulda-Gap“, der die geplante
amerikanische Strategie bei einem nuklearen Schlagabtausch behandelte, bei dem die
Gegend um Fulda, nahe der Grenze zur damaligen DDR und damit zum Warschauer
Pakt zum „Ground Zero“ eines Atomschlages werden sollte, löste unter der dortigen
Bevölkerung heftigste aggressive Gegenwehr aus, aber nicht, wie man erwarten
sollte, gegen diese zynische Strategie unserer Schutzmacht, sondern gegen
diejenigen, die auf diese Gefahr hinwiesen. Die Begründung des Bürgermeisters von
Hattenbach, dem Ort, um den es in dem Dokumentarfilm ging, er sage seinen
Schweinen, wenn er sie zum Schlachthof bringe, doch vorher auch nicht, dass sie
geschlachtet werden sollen, beweist, dass die Gefahr durchaus realisiert, aber massiv
abgewehrt wurde.
Die Folgen des Einsatzes von Massenvernichtungs- und Distanzwaffen werden
abgespalten und verleugnet, weil sie unser Vorstellungsvermögen überschreiten: Man
sieht nur ein Fadenkreuz und kleine Wölkchen auf dem Bildschirm. - Der Philosoph
Günter Anders prägte den Begriff von der „Antiquiertheit des Menschen“. Er
versteht darunter das Zurückbleiben unserer emotionalen sozialen Intelligenz hinter
unserer technischen Intelligenz, der Machbarkeit und der Entfremdung.
Distanzwaffen, insbesondere Computer-gesteuerte, senken die Schwelle zu ihrem
Einsatz, auch weil sie die eigenen Soldaten schützen, sodass die Bevölkerung nicht
im Konfrontiertsein mit eigenen Opfern gegen den Krieg aufstehen würde. Die
Folgen von Distanzwaffen gleichen Computerspielen, sie sind sinnlich nicht
erfahrbar.
Ich komme nun zu Überlegungen zur Massenpsychologie:
Der Massenpsychologie kommt in internationalen Konflikten eine Schlüsselrolle zu.
In Zeiten großer Verunsicherung bietet sich die nationale Identität wie eine Art
Korsett an. Und nichts sichert die eigene Identität und den Zusammenhalt einer
Gruppe besser als ein äußerer Feind. Durch Krieg können soziale Unruhen im Innern
schnell zum Schweigen gebracht werden. In Krisen tendieren Menschen dazu,
Sicherheit durch identifikatorische Anlehnung an einen starken Führer, der eine
fürsorgliche Elternfigur repräsentiert, zu gewinnen. Die Unterwerfung unter einen
Führer entlastet das ICH von eigener Entscheidungsarbeit.
Wie Freud in seiner kurz nach dem I. Weltkrieg erschienenen Arbeit
„Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921) beschrieben hat, wird von den
Mitgliedern einer Masse das eigene Gewissen an den Führer delegiert. Durch die
idealisierende Identifikation mit ihm und den anderen Gruppenmitgliedern entsteht
ein narzisstisches Hochgefühl, eine WIR-Identität.
Der Feind wird häufig in seinem Führer personalisiert. Dabei hat der Vergleich von
Milosevic, Saddam Hussein, Gaddafi mit Hitler die reflexhafte Bereitschaft zur
Folge, diesen Inbegriff des Bösen notfalls mit kriegerischen Mitteln bekämpfen zu
müssen, um sein Volk von diesem Diktator zu befreien. Die zweifelnde Irritation,
dass dieser Böse kurz zuvor noch bester Freund war, solange er z.B. den Zugriff auf
sein Öl nicht behinderte, kommt gegen die wütende Erregung nicht an.
Kriegspropaganda und die Rolle der Medien zur Beeinflussung der Bevölkerung:
„Invalide waren wir durch die Rotationsmaschinen, ehe es Opfer durch Kanonen
gab!“ sagt Karl Kraus über den I. Weltkrieg. Lange bevor der erste Schuss fällt, wird
die Sprache korrumpiert und militarisiert, Nachrichten werden unterschlagen,
einseitig dargestellt oder es werden bewusst falsche Behauptungen verbreitet. Was
verkrüppelt wird durch die Rotationsmaschinen, durch Medien, die den Gegner zum
Feindbild dämonisieren, ist die Fähigkeit zur Empathie und die Fähigkeit zum
Perspektivwechsel. Perspektivwechsel bedeutet, das eigene Verhalten auch aus dem
Erleben des Gegners zu betrachten.
Dabei haben insbesondere Bilder eine starke Wirkung: Wir vertrauen dem, was wir
sehen: das ist doch die Realität! Die Macht solcher Bilder wirkt deshalb viel stärker
als nachträgliche korrigierende Klarstellungen, weil das Gehirn Informationen, die
mit starken Emotionen verbunden sind, viel nachhaltiger speichert. Propaganda ist
nach Mausfeld als „Soft Power“ eine wichtige Herrschaftstechnik. Sie diene dem
Zweck, mittels Meinungs- und Affektmanagements die moralischen Sensitivitäten
durch den Durchgriff auf die Persönlichkeit zu unterlaufen. Das sei außerdem billiger
als Gewalt, Kontrolle und Geheimpolizei in Diktaturen.
Die Medien, als eigentlich unabhängige „vierte Gewalt“ spielen dabei eine
wesentliche Rolle.
Informationen können durch Weglassen, Selektion, Aus-dem Zusammenhang-Reißen,
d.h. durch Fragmentierung und Dekontextualisierung kognitiv und moralisch
unsichtbar gemacht werden (Mausfeld 2015). Dies führt zu gewollter politischer
Lethargie und moralischer Apathie - „ich blicke ja sowieso nicht durch, man kann
nichts machen!“.
Wenn Christa Wolff ihre Kassandra warnen lässt: „Lasst Euch nicht von den Eigenen
täuschen!“, so bedeutet das, dem Wunsch nach Zuge-Hörigkeit zur Großgruppe, zu
widerstehen.
Die Sehnsucht nach Übereinstimmung mit den Mächtigen, die im Unbewussten die
Elternposition einnehmen, entspricht letztlich dem Bedürfnis nach Geliebtwerden.
Eigen-Ständigkeit kann deshalb schuldhaft als „böse“ erlebt werden. Kritisches,
differenzierendes Denken bedeutet, psychische Arbeit gegen den regressiven Sog des
Mainstreams.
Doch eine unabhängige Position aktualisiert den Konflikt zwischen Autonomie und
Abhängigkeit. Die Angst, als Verräter aus der Gruppe ausgestoßen zu werden, kann
bewirken, dass widersprüchliche Wahrnehmungen verleugnet werden. Dies führt zu
Ambivalenz-freier Selbstgleichschaltung. Zweifler und Kritiker werden abwehrend
als „Verschwörungstheoretiker“ oder aktuell als „Putin-Versteher“ diffamiert.
Als Analytikerin lernte ich, immer wieder den Worten und averbalen Mitteilungen
meiner Patienten, nachzuspüren, dem, was dadurch in mir ausgelöst wurde, meiner
„Gegenübertragung“. Mit solch einem genauen Nachspüren sollten wir Nachrichten
daraufhin befragen, was für Gefühle sie auslösen und was damit bewirkt werden soll,
in wessen Interesse bestimmte Reaktionen wären. Zweifeln bedeutet, immer wieder
eine dritte Position einzunehmen.
Ich befasse mich jetzt mit der Bedeutung kollektiver Traumatisierungen für die
individuelle und Großgruppenidentität :
Traumata können nicht symbolisiert werden. Sie zerstören die Fähigkeit zu denken
und tendieren dazu, wiederholt zu werden. Traumatische Erfahrungen können nicht
integriert werden und haben bedrängendem Wirklichkeitscharakter mit einem Impuls
zum Handeln (Küchenhoff). Die Gewalt besteht nicht nur im Verletzen und
Vernichten, sondern auch darin, dass sie die Kontinuität der Person unterbricht. Der
Krieg zerstört die Identität.
Frieden ist für Veteranen nicht die Abwesenheit von Krieg, sondern dessen Gespenst
im Schlafzimmer, am Esstisch, auf der Autobahn. Die an einer posttraumatischen
Belastungsstörung Leidenden infizieren mit ihren Kriegsresten in ihrer Seele ihre
Umgebung (Hillman).
Die individuelle Identität entwickelt sich im empathisch-einfühlenden Austausch mit
den primären Bezugspersonen und führt im positiven Fall zu „Urvertrauen“, zum
sicheren Gefühl von verlässlichem inneren Sich-Selbst Gleichsein.
Zu einer sicheren Identität gehört es, auch negative Selbst- und Objektbilder, das
Wissen, „so bin ich leider auch“, in die eigene Identität zu integrieren, anstatt sie auf
„Sündenböcke“ zu projizieren. Nach Winnicott gelingt dies, wenn genügend oft die
Erfahrung gemacht werden konnte, dass das gute Objekt die destruktiven Impulse
„überlebt“. Nur wenn die Hoffnung, dass die eigene Liebes-Fähigkeit und Liebens-
Würdigkeit stärker ist als die destruktiven Möglichkeiten, kann – im Vertrauen auf
die Fähigkeit zur Wiedergutmachung - die Verzweiflung über eigene Destruktivität
ausgehalten und integriert werden. Dann kann ein reifer Trauerprozess einsetzen,
Schuld kann anerkannt und Verantwortung übernommen werden.
Könnte es sein, dass wir die Verzweiflung über die Zerstörung der Welt in einer
manischen Abwehr der Depression abwehren und, wie in dem Nazilied „wir werden
weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt“ eben „weiter so“ leben?!
Ohnmachtssituationen haben oft Gewaltlösungen zur Folge.
Die Großgruppenidentität spielt für die affektive Mobilisierbarkeit einer Gruppe eine
ganz wesentliche Rolle. Dabei bilden kollektive Traumatisierungen, sog. „gewählte
Traumata“ nach Vamik Volkan, den bedeutendsten Beitrag zur Identität einer
Großgruppe. Kollektive Traumatisierungen können lange Zeit schlummern und
werden oft mythologisiert, um dann in bestimmten politischen Situationen von
demagogischen Führern aktiviert und politisch funktionalisiert zu werden. Im Sinne
eines Trauma-spezifischen Zeitkollapses, wie bei einem Flash back, wird die Gruppe
dadurch in eine ähnlich ängstlich-wütend erregte Stimmung versetzt, als ob das
Trauma sich gerade ereignet hätte.
Auch kollektive Traumata können transgenerationell weitergegeben werden. Ist die
eine Generation mit der Rolle des Opfers identifiziert, so kann an die nächste
Generation eine Rächeridentität delegiert werden.
Wenn Großgruppen auf die sog. „Kampf- und Flucht-Einstellung“ (Bion) regredieren,
sollen Rachephantasien das durch Demütigung und Ohnmachtserfahrung
beschädigte, traumatisierte Selbst reparieren, um wieder Kontrolle zu gewinnen, aktiv
Handelnder zu sein.
Der Wunsch, das Trauma ungeschehen zu machen, kann zu dem Versuch führen, das
Trauma sozusagen auszustoßen, indem es anderen zugefügt wird.
Deshalb wirkt es sich so fatal aus, wenn kollektive Traumatisierungen nicht
bearbeitet und nicht betrauert werden konnten.
Wie KRIEG' ich Frieden? Möglichkeiten von Entfeindung und Friedensbildung:
Heilsame Verarbeitungsmöglichkeiten kollektiver Traumata sind Kriegsprävention:
Für die Bewältigung kollektiver Traumata ist es heilsam, wenn es zur öffentlichen
Auseinandersetzung über die Täter und ihre Taten in der Gesellschaft kommt, zur
Exhumierung von Massengräbern oder zur Bildung von Selbsthilfegruppen der
Opfer. In einem sozialen Prozess muss die traumatische Realität durch die
Gesellschaft anerkannt werden (Jimenez). Das fand ich in den öffentlich auf
Marktplätzen übertragenen Verhandlungen der Wahrheits- und
Versöhnungskommissionen in Südafrika verwirklicht. Reife Trauerarbeit kann dann
durch gegenseitige Schuldanerkenntnis und die Übernahme von Verantwortung
Versöhnung ermöglichen.
Der Kniefall Willy Brandts 1970 am Mahnmal für den Aufstand im Warschauer
Ghetto war eine derartige symbolische Übernahme von Verantwortung, Anerkennung
von Schuld und Bitte um Vergebung.
Als Reaktion auf die Verheerungen der beiden Weltkriege, besonders des Holocaust
wurden die Vereinten Nationen im Juni 1945 gegründet, „um künftige Geschlechter
vor der Geißel des Krieges zu bewahren“ und sie legten in ihrer Charta die
unveräußerlichen Menschenrechte und das Völkerrecht fest.
- Es gibt Skeptiker, die befürchten, dass es erst einer weiteren schrecklichen
Katastrophe bedürfe, einen III. Weltkrieg, der dann atomar geführt werde, bevor es zu
einer grundsätzlichen Ächtung von Massenvernichtungswaffen und von Krieg als
Konfliktlösung kommen könnte.
Ich möchte dagegen die Hoffnung setzen, dass unsere Phantasie, unsere Fähigkeit zu
vorausschauendem Denken und insbesondere die Liebe zu unseren Kindern und zur
Welt dies verhindern kann.
Frieden durch Krieg?
Der Wortspielerei „Wie KRIEG ich Frieden“, die ich auf einem Plakat bei einer
Friedens-Demo sah, entspricht auch eine von Freud beschriebene Wunschphantasie,
dass durch Krieg „ewiger Friede“ hergestellt werden solle.
„Wie KRIEG ich Frieden? berührt aber auch die Frage nach einem sog. „gerechten“
Krieg, einer militärischen Intervention, um z.B. einen Völkermord zu verhindern. Die
Erfahrung zeigt, dass die Entscheidung über derartige Interventionen nur von der
UNO gefasst werden darf und dass z.B. Militärinterventionen ohne UN-Mandat nicht
nur diese wichtige Institution schwächen, sondern meist von geopolitischen
Interessen geleitet sind, die hinter vermeintlichen „humanitären Interventionen“
verborgen werden.
Wichtig wäre eine frühzeitige präventive zivile Konfliktmoderation, bevor es zu
Gewaltausbrüchen bis zum Völkermord kommt. Soziale Konflikte, die dann ethnisch
oder religiös aufgeladen werden, müssten durch Hilfe von außen stabilisiert werden.
Dies wäre zudem mit nur einem Bruchteil der Kosten einer Militärintervention
möglich.
Es gibt viele Ansätze Gewalt verhindernder ziviler Konfliktbearbeitung. Johan
Galtung, Vamik Volkan und viele Friedensfachkräfte, z.B. vom Forum Ziviler
Friedensdienst, waren an vielen Brennpunkten der Welt erfolgreich im Einsatz, ohne
dass das groß in den Medien gewürdigt wurde. Volkans Methode der Mediation ist,
dass er Vertreter wichtiger gesellschaftlicher Gruppierungen der betroffenen
Konfliktparteien in Gruppensitzungen zusammenbrachte, wo sie sich zunächst alle
Vor-Urteile oder Verletzungen gegenseitig vorhielten, um dann zunehmend in die
Lage zu kommen, auch die Gefühle und die Situation der gegnerischen Gruppe zu
verstehen.
Auf individueller Ebene persönlicher Gesprächskreise fördern derartige Begegnungen
die Ent-Feindung, z.B. in sog. „Parents' Circles“, in dem Israelis und Palästinenser,
die durch die jeweils andere Seite einen geliebten Menschen verloren, sich
gegenseitig ihre leidvollen Geschichten erzählen. Dies ermöglicht, dass sich die
Gruppenmitglieder mit der Trauer des Anderen als Mensch identifizieren können, er
wird zum Mitmensch und ist nicht länger „Feind“.
Die eigene Sicherheit hängt vom Sicherheitsgefühl des Gegeners ab:
Ein wesentlicher Ansatz zur Konflikt-Reduktion ist das Wissen, dass sich die eigene
Sicherheit und das Sicherheitsgefühl des Gegners gegenseitig bedingen. Aufrüstung
und militärische Muskelspiele können hingegen leicht zu Zündfunken einer dann
nicht mehr kontrollierbaren Eskalation werden.
Der Begründer der Friedensforschung Johan Galtung plädiert für die Umstellung auf
rein defensive, auf das eigene Territorium begrenzte Verteidigung als einen ersten
Schritt, der mehr Aussicht auf Erfolg haben könnte als die Forderung nach völliger
Abschaffung z.B. der Bundeswehr. Vertrauensbildende Maßnahmen, wie in der
KSZE-Schlussakte von Helsinki vereinbart, sind ein wichtiger Schritt zum Frieden.
Weitere alternative Entwicklungen, die das friedliche Zusammenleben der
Weltbevölkerung zum Ziel haben, ist das Weltsozialforum WSF. Das WSF versteht
sich als ein weltweiter Prozess einer Globalisierung in Solidarität unter
Respektierung der Menschenrechte, die im Gegensatz zu einer neoliberalen
Globalisierung steht, die durch große multinationale Konzerne und den diesen
hörigen Regierungen und Institutionen beherrscht wird.
Zuletzt möchte ich auf die Fähigkeit zur Besorgnis als Hoffnung auf eine Haltung des
„Buen Vivir“verweisen und auf die neuen UNO-Ziele für nachhaltige Entwicklung:
„Buen Vivir“ ist von den Rechten der Natur, „Rights of Mother Earth“ der indigenen
Völker Lateinamerikas abgeleitet und wurde von sozialen Bewegungen aufgegriffen.
Buen Vivir hat inzwischen in Ecuador und Bolivien Verfassungsrang: „Der Staat
schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen
Lebensgrundlagen und die Tiere...“
Diesem besorgt-respektvollen Umgang mit Mutter Natur sind wir, im Unterschied zu
den Naturvölkern, entfremdet. Die kapitalistische Ausbeutung entspricht dem
Stadium der Erbarmungslosigkeit nach Winnicott. Die Mutter, „Mother Earth“ wird
nicht als eigenständiges Subjekt mit eigenen Bedürfnissen und Grenzen
wahrgenommen.
Die von einer Expertenkommission der UNO erarbeiteten „Agenda 2030-Ziele für
nachhaltige Entwicklung“ betonen die gegenseitige Bedingtheit von Frieden und
Entwicklung und die Verantwortung der reichen hochindustrialisierten Staaten
gegenüber den Völkern des Südens, besonders für die Folgen des Klimawandels.
In den UNO-Zielen für nachhaltige Entwicklung, die im Dezember 2015 in New
York verabschiedet wurden, sehe ich eine Entwicklung zur Besorgnis. Auch das ist
eine Kulturentwicklung.
Während die Vereinigung deutscher Wissenschaftler warnend auf den
Zusammenhang zwischen Peak Oil, Gas und Geopolitik hinweist und die Rückkehr
zu fossiler Geopolitik für den Ukraine-Konflikt und zahlreiche andere Konflikte
verantwortlich macht, sieht der Klimaforscher Hartmut Grassl in der Energiewende
als Gegenmaßnahme gegen den Klimawandel und in der Umstellung auf erneuerbare,
nicht fossile Energien einen wesentlichen Beitrag zum Frieden: „Jeder Liter Öl, der in
der Erde bleibt, fördert doppelt den Frieden. Zum einen, weil er den Klimawandel
aufhält, zum anderen, indem um fossile Rohstoffe dann nicht mehr Krieg geführt
werden muss“.
Ich komme zum Schluss:
Freud sprach von einer „konstitutionellen Intoleranz“ gegen den Krieg. „Es ist
vielleicht keine utopische Hoffnung, dass der Kulturprozess und die besagte Angst
vor den Wirkungen eines Zukunftskrieges dem Kriegführen in absehbarer Zeit ein
Ende setzen wird.“
In einer gerechten internationalen Ordnung, die über das Gewaltmonopol verfügt, in
einer Art Welt-Innenpolitik, sehe ich die wichtigste Möglichkeit, dem aggressiven
Macht- und Dominanzstreben einzelner Staaten als internationale Gemeinschaft
entgegen zu treten. Auch dürfen politische Grundsatzentscheidungen nicht weiter an
demokratisch nicht legitimierte Institutionen wie Weltbank, Internationalen
Währungsfond und Welthandelsorganisation abgetreten werden.
Menschen verfügen über eine natürliche moralische Sensitivität und Fähigkeit zu
Empathie, zu Mit-Leid und Hilfsbereitschaft, zu Kooperation und zu Solidarität.
Wie weit unsere Identifikationsfähigkeit mit dem Anderen, Andersartigen, aber
insbesondere mit zukünftigen Generationen reicht, wird sich bald, nicht zuletzt in der
Flüchtlingsfrage, zeigen.
Das überwältigende Engagement breiter Bevölkerungsschichten in der „Refugee
welcome“-Bewegung ist für mich Ausdruck einer inzwischen sichereren,
selbstbewussteren kulturellen Identität, die weniger Angst vor dem Fremden und vor
Überfremdung hat und entsprang wohl dem Wunsch, nicht länger der „hässliche
Deutsche“ zu sein. So könnte man diese zupackende Hilfsbereitschaft großer Teile
der Bevölkerung auch verstehen als eine Art Gegen-Demonstration gegen eine auf
Konkurrenz und Ausschluss Schwächerer basierenden neoliberalen Ideologie.
Noch ist das offensichtlich beglückende Teilen unseres Überflusses freiwillig.
Müssten wir als AnalytikerInnen nicht besonnen dazu beitragen, die Veränderungen,
die zwangsläufig auf unsere Gesellschaft, auf unsere Welt, zukommen, bewusst zu
machen und z.B. unsere Mitverantwortung an den Fluchtursachen benennen, um so
weiteren Radikalisierungstendenzen vorzubeugen?
Müssten wir als Analytiker nicht auch die Verleugnung, welche Folgen unser
„Weiter-So“- Verhalten für unsere Kinder und Enkel bedeutet, aufklärend anzugehen?
Gegen lähmende Ohnmacht und Resignation angesichts der vielschichtigen
gravierenden Probleme unserer Welt und angesichts der eigenen Machtlosigkeit
gegenüber dem Einfluss internationaler Konzerne und Finanzakteure, die schon
längst die Fäden der Politik in der Hand halten, ermutigt der Friedensforscher
Daniele Ganser: „Die zweitstärkste Weltmacht ist die öffentliche Meinung!“
Ich halte es für wichtig, positive gesellschaftliche Selbst-Erfahrungen, die zur
kollektiven Identität auf konstruktive und stabilisierende Weise beitragen, zu
bestätigen.
Die starke Friedensbewegung der 80-er Jahre hat wesentlich dazu beigetragen, dass
die Kurz- und Mittelstreckenraketen aus Deutschland abgezogen und dadurch die
akute Atomkriegsgefahr reduziert und Abrüstungsverhandlungen begonnen wurden.
Auch die Kampagne gegen die Landminen führte schließlich zu deren Ächtung,
ebenso wie der Einsatz von Giftgas geächtet wurde.
Psychotherapie ist in ihrem Ringen um Wahrheit Friedensarbeit im Kleinen.
Aus unseren Behandlungen wissen wir, wie sich Aufwachsen in einem ungünstigen
sozialen Umfeld, wie sich Stress, Konkurrenz und immer höhere
Flexibilisierungsforderungen am Arbeitsplatz oder wie Arbeitslosigkeit psychische
und psychosomatische Erkrankungen zur Folge haben.
Müssten wir nicht auch da aus unseren Behandlungszimmern nach außen hörbar
werden und gegen krank machende Bedingungen eintreten?
- Bei der Gründungsversammlung der psychoanalytischen Friedensbewegung
IPANW, den International Psychoanalysts Against Nuclear Weapons, die 1985 am
Rande des Hamburger IPA-Kongresses stattfand, hielt Hannah Segal eine Rede mit
dem Titel „Schweigen ist das eigentliche Verbrechen!“
Ich hoffe, dass wir nicht länger schweigend untätig zusehen, wie unsere Welt vor
die Hunde geht!

Aktuelles

Wintersemester 2017-18

Das neue Semesterprogramm ist online!

16.02.18

Zur Dekonstruktion geschlechtlicher Normativität - Queer Theory und Psychoanalyse. Die Wiener Psychoanalytikerin Mag.a Dr.in Esther Hutfless wird über die Schnittmengen zwischen Psychoanalyse und Queer Theory sprechen.

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22.09.17

M. Fakhry Davids, britischer Psychoanalytiker aus London, hat am 22.09.17 einen Vortrag zum Themaüber 'Internal Racism' gesprochen.

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20.04.17 ff.

Der Traum und die Psychoanalyse (Vortragsreihe). Torsten Maul, Dozent am Hamburger DPG-Institut hat am 11. Mai über den Umgang mit der Traumerzählung in psychoanalytischen und tiefenpsychologisch fundierten Behandlungen gesprochen; moderiert wurde die Veranstaltung von Gabriele Amelung.

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